Die Rahmenbauer

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In den 90er-Jahren fuhr in Mailand niemand mit einem Rad zur Arbeit. Auch wenn die Stadt wegen ihrer Hügellosigkeit dafür prädestiniert wäre, das Fahrrad war und ist in erster Linie Sportgerät, und eines, das man am Wochenende ausführt. Niccolò ist diese Zeit noch bildlich vor Augen: “Die Leute kamen zu meinem Vater und haben gesagt: ‘Ihre Frau, die ist verrückt!”. Für Niccolòs Mutter hatten Fahrräder nämlich in erster Linie eine andere Funktion: die Kinder zur Schule zu bringen. Also wurden kurzerhand Nico und sein Bruder gern auch mal 20 Kilometer durch die Stadt chauffiert. Für die mopedliebenden Mailänder ein ungewohnter bis schockierender Anblick.

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Heute ist das etwas anders: Auch in Italien hatte die Finanzkrise ihre Nachwirkungen gezeigt. Das schicke Rennrad war auf dem Rückzug. Das hatte auch Auswirkungen auf die traditionellen Rahmenbauer der Stadt, die Nico seit seiner Jugend so faszinieren. “Die Leute in Italien, die Rahmen bauen, werden in der Regel schlecht bezahlt.” Nico meint, das liege auch daran, dass man keine strikte Ausbildung habe, wie hier in Deutschland. “Wer früher Rahmenbauer werden wollte, ist zu den alten Meistern gegangen und hat dort zwei oder drei Jahre gelernt. Das gibt es kaum noch.” Grund dafür sei vor allem, dass die Meister zu alt geworden seien: “Sie haben keine Energie und auch nicht das Geld, jemanden auszubilden.”

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Thomas hat in Berlin den Meisterbrief in Zweirad-Mechanik erworben. Eine Ausbildung, die nur noch wenige verfolgen. In Deutschland gibt es vielleicht ein Dutzend bekanntere Rahmenbauer. In Italien etwas mehr als ein halbes. Anzahl steigend. Warum? “Social Media und Blogs eröffnen jungen Leuten, die solch ein Handwerk ausüben, ganz neue Möglichkeiten.” Um sich zu vernetzen, hat Thomas mit anderen Rahmenbauern eine Art Kollektiv gegründet. Arbeitstitel: “Messtisch”. Groß ausbauen wolle er das aber nicht, der Organisationsaufwand sei dann zu groß. Aber ein paar Gleichgesinnte zu haben, mit denen man die gleichen Probleme teilt, sei sehr hilfreich.

 

Auch wenn Thomas die Schule mit all ihren Prüfungen und Bescheinigungen gemacht hat, sieht er den Weg eines wirklich guten Rahmenbauers davon nicht unbedingt abhängig: “Es gibt zwar viele Bücher, die dir beschreiben, wie du einen Rahmen baust. Aber in jedem Buch steht das auch immer ein bisschen anders. Gerade im Rahmenbau gibt es viele verschiedene Wege nach oben. Man muss nur herausfinden, wie man selbst Rahmen bauen kann. Es geht um Details, was für Hände man hat, wie man mit Material umgeht. Das ist das wirklich Schwierige an diesem Beruf.”

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Dabei unterstützen sich die beiden. Kennengelernt haben sie sich in einem Laden für Stahlräder, in dem sie damals beide jobbten. Als Thomas seinen Meister machte, hat Nico sein erstes Rad gebaut. Recht schnell war klar, dass sie etwas gemeinsam machen wollten. Daher die geteilte Werkstatt. Jeder hat seine Aufträge, aber man hilft sich gegenseitig, wo man kann. “Ein bisschen Konkurrenzverhalten ist da auch dabei.” Das soll ja bekanntlich förderlich sein.

 

Auf die Frage, warum er erst in Berlin mit dem Fahrradbau angefangen habe, weiß Niccolò mehrere Gründe anzuführen: Ein guter Freund von ihm ist Fahrradkurier und Bahnrad-Fanatiker. Diese Liebe zu Bahnrädern war ansteckend. Zufälligerweise war auch Niccolòs damaliger Nachbar ein nicht unbekannter Rad-Sammler, der, wie Nico es selbst beschreibt, “ihm viel über minimales Fahrrad-Design” beigebracht hat. Als er dann nach seiner Tontechnikerausbildung anfing, in besagtem Laden für Stahlräder zu arbeiten, lernte er Thomas kennen und entschied sich für eine Fahrradmonteur-Ausbildung. Aber auch die Blogs italienischer Rahmenbauer waren nicht ganz unbeteiligt. “Fahrrad-Porno” sei das, was man da im Netz findet. Das habe aber auch Nachteile: “Früher hattest du als Rahmenbauer deine Werkstatt und hast Aufträge bekommen. Heute musst du dein eigenes Brand entwerfen und mit Social Media arbeiten. Das ist extrem viel Aufwand, den man neben dem Bauen aufbringen muss”, so Nico.

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Und wie ist es, in Berlin als Rahmenbauer zu arbeiten? Seit einiger Zeit kann man in Kreuzmitte ja nicht mehr ohne Peugeot-Rennrad und Brooks-Sattel zum Concept-Store des Vertrauens fahren. Thomas weiß das zu schätzen: “Dass das Fahrrad in Berlin immer mehr zu einem Statussymbol wird, ist für uns Rahmenbauer natürlich sehr vorteilhaft. Für viele ist ihr Fahrrad ein Ausdruck ihrer selbst und die Leute haben daher konkrete Wünsche, wie ihre Fahrräder aussehen sollen. Dadurch entsteht auch ein gewisser Anspruch an die Rahmenbauer”. Ganz einfach ist das nicht: Die Gratwanderung zu meistern, ein Fahrrad zu bauen, das sowohl den Ansprüchen des Meisters als auch den Vorstellungen des Kunden entspricht, ist das große Dilemma, dem sich jede Auftrags- oder Customarbeit stellen muss. Dabei sehen Nico und Thomas an beiden Typen von Kunden ihre Vor- und Nachteile: diejenigen ohne genaue Vorstellung ließen einem zwar freie Hand, aber als Bauer stehe man oft vor so vielen Möglichkeiten, etwas zu gestalten, dass es auch angenehm sei, wenn der Käufer in der Lage ist zu sagen: So und nicht anders.

Dass sie als Bauer nicht stadtbekannt seien, finden sie gar nicht so schlecht: “Es gibt einige Kunden, die genau deshalb zu uns kommen. Die wollen nichts von der Stange, und dann auch nichts von etablierten Rahmenbauern”, erklärt Niccolò.

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Viel anders als in der Motorrad-Customszene verhält es sich also nicht. Oder beim Maßschneider. Oder beim Schreiner. Das ist quasi die “Handwerks-Dialektik”, die sich zwischen Experte und Laie, zwischen Meister und Kunde auftut. Aber gerade durch den ausgeprägten Zweirad-Fanatismus im Netz findet dies wohl bei Rahmen- oder Umbauern noch am präsentesten statt.

 

Was Berlin als Fahrradstadt so großartig mache, sei, dass hier viele Fahrradkulturen zusammenkommen. Ob aus den USA, Frankreich oder eben Italien: jeder bringe sein Know-how und seine Vorstellung mit. Das Fahrrad-Kultur-Amalgam, das daraus entstehe, sei einzigartig für die Stadt. Und das sei auch das, was sich im Rahmenbau oder vielmehr dem Handwerk verändert habe: “Bei einem richtigen Rahmenbauer lernst du sehr viel über mehrere Jahre. Wir haben dafür heute aber auch ein großes Netzwerk an Leuten, die uns unterstützen.” Ob sich das über Blogs, einen Stammtisch oder eine “Fankundschaft” ausdrückt, ist dabei sekundär.

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Einen richtigen Meister sucht Niccolò trotzdem noch. So einen wie die alten Rahmenbauer in Mailand. “Ich arbeite einfach noch zu langsam! Ich verliere mich viel zu oft in Details”, lacht er. Und das Geld müsse ja auch irgendwann stimmen. Thomas arbeitet schon an seiner Website und hat einen Stand bei der Fahrradschau. Nico will dafür vielleicht nochmal ins Ausland. Vielleicht findet er ja einen alteingesessenen Mailänder mit Muße.

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Niccolòs und Thomas’ Werkstatt befindet sich im Wiesenweg 1-4, 10365 Berlin.

Thomas’ Website und Label: www.meerglas.org

Nicos Kontakt: bonnano.n@gmail.com  und Instagram: @niccolo_bonanno

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Text: Caroline Jebens
Bilder: Stefan Haehnel (stefanhaehnel.com), Sarah Binetsch

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