Custombikes
January 14, 2018

271 Design ‒ Honda GB500 TT Custom

Alte Liebe neu entfacht

Olli ist gelernter Industriedesigner und Flugzeugbauer. Noch als Student entdeckt er 2007 eine alte Honda GB500 von 1990 bei einem Händler und ist sofort verliebt. Wie nicht anders zu erwarten übersteigt der Kaufpreis sein Studentenbudget bei Weitem. Mit offenen Karten spielt er seine verzwickte finanzielle Lage herunter. Mit einer Anzahlung erkauft er sich den Zuschlag und die Gewissheit, dass das Motorrad irgendwann ihm gehören wird. Als er einige Monate später mit der restlichen Kohle vor dem Händler steht, staunt der nicht schlecht. Der Junge meint es wohl ernst. Er erhält das Bike und schiebt es, weil noch unfahrbar, beseelt nach Hause.

Von da an beginnt eine lange Romanze, die bis heute anhält. Mit kleinen Instandsetzungsarbeiten erprobt er seine noch jungfräulichen Skills beim Motorradbau und macht die alte Lady wieder fahrbar. Längere Ausritte nach Spanien, Italien und Frankreich bringen ihn der Maschine näher. Olli findet großen Gefallen am luftgekühlten Einzylindermotor der Honda und beginnt zu investieren. Erste größere Anschaffungen sind ein neuer Vergaser von Mikuni und eine Auspuffanlage von SR Racing. Für mehr reicht  das Geld vorerst nicht. Also erneut sparen und die eigene Karriere ankurbeln. Das Thema Motorrad lässt ihn nicht mehr los und so entwickelt sich der Wunsch, als Motorrad-Designer tätig sein zu wollen. Lange dauert die Verwirklichung seines Traumberufes nicht; Triumph in England bietet ihm wenig später eine Stelle an.

Aber noch bevor es auf die Insel geht und somit weit weg von Freundin und Motorrad, baut er die GB500 komplett neu auf. Zuerst knüpft er sich das Chassis vor. Sein Ziel: Gewicht reduzieren und Leistung erhöhen. Dazu hebt er zunächst den Tank um 12 mm an, um eine durchgängig gerade Schulterlinie zu erhalten. Seine Fertigkeiten als Industriedesigner kommen ihm hier zugute. Am Computer modelliert er verschiedene Bauteile, die er dann in seiner Werkstatt zu einem Ganzen zusammengefügt. Er kürzt das Heck und formt es aus Carbon neu und auch die Showa-Gabel wird für den passenden Cafe-Racer-Look mit den Standrohren einer CB450S in der Länge gestutzt. Neben der optischen Verschlankung vereinfacht Olli auch die komplette Elektrik und verlegt sie samt zusätzlichem Lüfter unterhalb des Tanks.

Beim Motor stellen sich die eigenen Vorstellungen in der Umsetzung als weitaus schwieriger heraus. Von der Ursprungsidee, den schnellsten und „gerade noch haltbaren” RFVC (Radial Four Valve Combustion) zu bauen, nimmt er bald schon Abstand. Durch intensive Recherchearbeit und aufschlussreiche Gespräche mit einem Spezialisten für Honda Viertakt-Einzylinder, kristallisiert sich jedoch bald schon ein anderer Ansatz heraus. Statt neue Kolben, Pleuel und eine Kurbelwelle extra anfertigen zu lassen, legt er erstmal selbst Hand an. Bis auf das Getriebe setzt er alles neu instand. In einem nächsten Schritt soll der Zylinderkopf repariert werden. Konstruktionsbedingt neigt dieser zur Rissbildung zwischen Kerzenloch und linkem Auslassventil. Olli findet einen Spezialisten, der den Kopf nach bester Manier fachgerecht überholt. Kein unerheblicher Arbeitsaufwand, denn um die Angst vor einem abgelösten Ventilsitz in der Brennkammer beiseite zu legen, muss großflächig ausgefräst, der Brennraum nachgebildet, ein neues Kerzenloch gebohrt und neue Ventilsitz-Passungen ausgelegt werden. Als die alten Konstruktionsmängel ausgebessert sind, geht es an die Leistungssteigerung. Die ab Werk verwendeten M8 Dehnschrauben weichen M10 Stehbolzen, um den generalüberholten Kopf bei erhöhtem Druck dauerhaft dicht zu halten. Auch der Kupplungsdeckel für die Nasskupplung soll überarbeitet werden. Alexander Winkler von Cafe Racer South Germany liefert hier wertvolle Tipps zur Umsetzung. Der Konstruktion von Alexanders SR620 folgend, erhält auch Ollis Maschine ein System, das den Austausch der Kupplung ohne komplette Demontage des Deckels ermöglicht. Die penible CAD-Planung zahlt sich auch hier voll aus. Passgenau wie der Bausatz eines LEGO-Technik Gefährts, lassen sich alle neuen Teile problemlos zusammenfügen.

Die Generalüberholung des Motors, der Einbau einer scharfen Nockenwelle von HOT CAMS und die Abspeckkur hauchen der Honda neues Leben ein. Zwar kickt sich die schöne GB500 laut Olli jetzt etwas schwer an, dafür leistet sie 47 PS bei etwas über 7.000 U/min. Die Höchstgeschwindigkeit gibt er mit 180 Kilometern in der Stunde an, was er passenderweise mit „Die Kiste rennt wie blöd” beschreibt. Und auch optisch kann sich das Custom sehen lassen. Klassische Speichenfelgen und eine dezente schwarz-goldene Lackierung machen aus der kleinen Honda ein echtes Männermotorrad. Olli ist mittlerweile nicht mehr bei Triumph, aber dass er im Motorradbereich gut aufgehoben ist, hat er mit dem Custom klar bewiesen.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 14, 2018
Autor: 
Moritz Weinstock
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