Reise
June 7, 2016

Am Ende der Strasse

Eine BMW R 1150 GS, 80 Länder, über 210.000 Kilometer – und ein selbst gebautes Floß. Dylan Samarawickrama reiste mit seinem Motorrad namens “Bruce” von der Schweiz aus durch den Nahen Osten, Ostafrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika. Als in Panama alle Straßen enden, baut er für sich und sein Motorrad ein Floß – das Boatercycle.

Du bist mit deinem Motorrad dreieinhalb Jahre um die Welt gefahren und hast viel erlebt. Warum ausgerechnet mit dem Motorrad?

Dylan: Ich habe schon vorher kleinere Motorradtouren gemacht. Also das heißt bei mir von der Schweiz Richtung Indien, Marokko oder Syrien. Aber ich wollte schon als Kind mit dem Motorrad eine Reise um die Welt machen.

Du hast deine GS "Bruce" genannt. Gibt’s dafür einen bestimmten Grund?

Ich hab’ ehrlich gesagt keine Ahnung, warum ich ihn “Bruce” genannt habe, das ist schon so lange her. Vielleicht, weil es eine große Maschine ist. Ich bin ein kleiner Mann von nur 1,68 m und wenn ich neben meinem Motorrad stehe, dann machen manche große Augen, weil es massiv ist im Vergleich zu mir. Ein weiblicher Name, wie ihn viele Motorräder bekommen, hätte da nicht gepasst. Für mich ist das eine mächtige, kraftvolle Maschine. Vielleicht habe ich auch an Bruce Willis gedacht.

Gab es auf deiner Reise ein Minimum an Luxus? Etwas, auf das du auf keinen Fall verzichten wolltest?

Luxus heißt für mich schon so etwas Einfaches, wie eine Dusche zu haben oder auch mal kochen zu können. Wenn du dreieinhalb Jahre mit deinem Motorrad unterwegs bist, ist nichts selbstverständlich. Ich war viel mit dem Zelt unterwegs und habe wild gecampt. Da hast du nicht überall Zugang zu Wasser. Deshalb hab’ ich immer mindestens fünf Liter Wasser dabei gehabt und konnte mit ungefähr zwei Litern duschen. Auch wenn es kalt war, z.B. in Alaska oder nachts in Australien, konnte ich das ein- bis zweimal immer machen. Und das war für mich schon eine Art Luxus.

Du bist Mechaniker und konntest dein Motorrad immer selbst reparieren. Gibt es auch improvisierte Bauteile, die mittlerweile zu  "Bruce" gehören?

Es gab nicht überall die passenden Ersatzteile. Da musste ich dann auch mal auf unkonventionelle Art und Weise diese Teile selbst herstellen oder modifizieren. Zum Beispiel war mal das Kreuzgelenk einer Antriebswelle in zwei Teile zerbrochen. Da habe ich ein Autoteil selbst geschweißt und eingebaut. Das ist auch bis heute noch dran und ich konnte damit weitere 70.000 Kilometer fahren. Es gab auch andere Teile von VW, Honda und Hyundai oder auch mal ein Stück aus einem Rasenmäher – also alles, was ich so finden konnte. Ich wollte nicht warten, bis irgendetwas geliefert wurden. Aber es ist natürlich auch sehr teuer, wenn du unbedingt originale BMW-Teile haben willst. Ich  konnte mit meinen eigenen kreativen Ideen vieles improvisieren.

Wie hast du denn generell deine Reise finanziert? Hast du währenddessen gearbeitet?

Ich habe das komplett selbst finanziert. Bevor ich losgefahren bin, hatte ich eine kleine Autowerkstatt in der Schweiz und die habe ich dann vor meiner Reise verkauft. Somit hatte ich genug Geld, um diese Reise zu machen. Währenddessen habe ich aber tatsächlich nie mein Bankkonto kontrolliert. Ich hatte ein Konto mit dem Reisegeld und eins, wo genug Geld drauf war, dass ich mir von überall ein Ticket zurück in die Schweiz hätte kaufen können. Na ja und nach drei Jahren kam dann einfach kein Geld mehr aus dem Automaten. Da wusste ich: "Ok, jetzt musst du wieder zurück." Ich habe nie ausgerechnet, was ich für ein Tagesbudget habe, sondern das ausgegeben, was nötig war. Aber ich bin schon sehr sparsam gereist. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht und ich bin auch kein Party Animal. Das ist dann gleich ein bisschen günstiger. Aber man muss nicht Ttausende von Euro zum Reisen haben, sondern manchmal auch einfach auf einen bestimmten Luxus verzichten.

Wenn du heute auf deine Reise zurückblickst, gab es Entscheidungen, die du so nicht mehr treffen würdest?

Nein. Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, bereue ich nicht. Ich mache Dinge, weil ich darauf Lust habe. Es gab natürlich manchmal auch unangenehme Situationen. Aber ich denke, aus jeder Situation kann man auch etwas lernen. Letztendlich ist alles eine gute Erfahrung.

Jetzt hast du die letzten drei Jahre als eine Art Motorrad-Pirat gelebt. Daraus ist ein Buch entstanden und du hältst viele Vorträge über deine Erlebnisse. War das von Anfang an geplant, das so kommerziell zu nutzen, oder kam das erst danach?

Nein gar nicht. Mein Hobby ist schon seit einiger Zeit die Fotografie und ich habe auch auf der Reise angefangen, vieles in Bildern festzuhalten und ab und zu kleine Geschichten mit meinen Freunden zu teilen. Als ich zurück in der Schweiz war, haben immer wieder Leute gesagt, dass ich darüber ein Buch schreiben soll. Es gibt natürlich viele, die mit ihrem Motorrad um die Welt reisen. Aber ich denke, meine Geschichte ist ein bisschen anders. Und mein Buch und meine Vorträge sind nicht nur explizit für Motorradfahrer. Es geht mehr um die Menschlichkeit und darum, das Leben anders zu sehen.

Ein sehr außergewöhnlicher Teil deiner Reise ist auch deine Fahrt über den Pazifik mit einem selbst gebauten Floß von Panama nach Kolumbien. Wie kam es zu dieser Idee, ein Boot für dich und dein Motorrad zu konstruieren?

Sokrates hat mal gesagt: "Not macht erfinderisch". Zwischen Panama und Kolumbien gibt es die Darien Gap, einen unwegsamen Dschungel, wo es keine Straße gibt. Als ich in Panama ankam, wurde mir gesagt, dass ich mir ein Boot mieten muss, um nach Kolumbien zu kommen. Das muss man allerdings sehr zeitig in Angriff nehmen und es kann einige Wochen dauern. Da dachte ich, das ist eine tolle Gelegenheit, so ein Floß zu bauen und selbst zu fahren. Schon als Kind wollte ich immer mal ein Floß bauen. Das war neben der Motorradweltreise ein anderer Kindheitstraum von mir. Somit wurde mir dann ein Abenteuer auf dem Silbertablett serviert.

Hattest du zu dem Zeitpunkt Segelerfahrung?

Ich hatte gar keine Erfahrung und war vorher in meinem Leben noch nicht mal rudern. Es war alles fremd für mich. Aber ich habe geglaubt, wenn ich ein stabiles Wasserfahrzeug baue, dass ich damit auf dem Ozean fahren und das schaffen kann.

Du hast aus deinem Motorrad einen Antrieb für das Floß gebaut. Was genau war das für eine Konstruktion?

Das war ganz einfach. Ich habe davor auch nicht irgendwo etwas nachgelesen, sondern einfach meine eigenen Ideen umgesetzt. Das ist aber immer so bei mir. Wenn ich etwas mache, dann muss es meine eigene Idee sein und ich versuche mit meiner Kreativität Probleme zu lösen. Der Antrieb war auch so eine Konstruktion. Ich habe einen Endantrieb gekauft, davon die unnötigen Teile abgesägt und dann die Kardanwelle mit einem Zusatz verlängert. Am Ende von dieser Zusatzwelle habe ich einen Propeller angebracht. Und das war’s und ich konnte damit 800 Kilometer auf dem Pazifik zurücklegen. Aber vorher war das reine Spekulation, ob das wirklich so funktionieren würde. Ich konnte das Floß vorher nicht testen, weil das alles eine illegale Sache war. Die Behörden in Panama wollten mir dafür keine Bewilligung erteilen. Erst auf der Fahrt habe ich dann überhaupt gelernt, wie sich das Floß so verhält. Also "Learning by Doing".

Wie lange warst du dann mit dem Floß unterwegs?

 Sechs Wochen. Aber ich hatte eigentlich gedacht, ich würde es in zwei schaffen.

Du hast dann irgendwann die Orientierung verloren und bist auf dem offenen Meer umhergetrieben. Gab es da Momente, wo du gedacht hast, dass du es nicht mehr zur Küste zurück schaffst?

Ja, auf jeden Fall. Ich war irgendwann sehr weit von der Küste weg. Einmal sogar 156 Kilometer, weil die Strömungen mich mitgerissen haben. Das war natürlich ein Problem. In diesem Moment dachte ich schon, dass ich es nicht mehr nach Kolumbien schaffe, sondern irgendwo auf Galapagos oder Hawaii rauskomme. Da hatte ich auf jeden Fall Angst.

Wie hast du dann doch noch den Weg zurück zur Küste gefunden?

Ich habe Hilfe von einer Gruppe Delfine bekommen.

Wie genau ist das abgelaufen? Für mich klingt das wie aus einem Robinson-Crusoe-Roman und es scheint so unvorstellbar, dass so etwas tatsächlich passiert.

Natürlich klingt das immer erst mal nach einer sehr kitschigen Geschichte. Aber das ist einfach so passiert. Es gibt viele Leute, die das erst mal fragwürdig finden. Ich glaube, selbst ich wäre skeptisch, wenn mir das jemand erzählen würde. Heutzutage gibt es so viele gestellte Videos und falsche Berichte, dass es ganz normal ist, erst einmal kritisch darauf zu reagieren. Wie genau das abgelaufen ist, verrate ich in meinem Buch “Am Ende der Strasse”.

Bist du nach deiner Ankunft in Kolumbien dann den Rest der Panamericana gefahren?

Ja, ich bin von Kolumbien aus dann noch bis nach Argentinien gefahren. Allerdings musste ich erst mal zurück in die Schweiz, weil ich kein Geld mehr hatte. Nach fünf Monaten bin ich dann wieder zurück nach Kolumbien geflogen und habe meine Reise fortgesetzt. Aber es ging nie darum, eine bestimmte Route zu beenden oder irgendeinen Rekord aufzustellen. Es war mir wichtig, diese Erfahrungen für mich zu machen. In dem Sinn gibt es weder einen Start- noch einen Endpunkt. Es kommt nicht darauf an, wie groß deine Reise ist, sondern was du gelernt hast und dass du als eine andere Person wieder zurückkommst. Das ist mir im Laufe der Zeit wichtig geworden. Am Anfang wollte ich auch einfach nur diese große Reise machen. Das hat sich irgendwann verändert. Und ich werde in meinem Leben immer weiterreisen.

Hast du einen besonderen Tipp für alle, die selbst mal so eine Reise machen möchten?

Einfach machen. Das ist das Beste, was man in seinem Leben tun kann. Die Welt besser kennenlernen, einfach mal weg sein und seine Grenzen austesten. Am Ende lernt man sich besser kennen.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
June 7, 2016
Autor: 
Redaktion
Fotos: 
ride2xplore
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