Reise
December 25, 2017

Spurrillentango in den Karpaten

On- und Off-Road durch Rumänien

Fünf Berliner durchkreuzen auf ihren alten BMW's die Gebirge rund um Sibiu/Hermannstadt. 2 1/2 Wochen Romantikabenteuer pur.

Rumänien ist ein herrlicher Flecken, ein Land im Wandel mit mehr Improvisationskapital als Geld, zuversichtlich und aufbaufreudig. Die blühenden Landschaften, die der Ex-DDR versprochen wurden, rund um die Karpaten schmeißen sie sich in die Brust. Die Stromversorgung steht seit langem, Wasser fließt seit letztem Jahr. Aber bitte nicht duschen, sonst bricht die Leitung zusammen! Die Zeit ist nicht stehen geblieben, aber die Tradition bleibt lebendig. In den Dörfern wechseln sich alte Holzhäuser, aufwändig mit Schnitzereien verziert, mit Fantasie-Neubauten, aufwändig mit Chromgestänge und silbernen Dachblechen verziert, ab – Disko-Tempel mit Nutztierhaltung im Garten. Oder man verlegt sich von Nutztieren auf Touristen und funktioniert die Gärten zu Campingplätzen um. Zelten mit Familienanschluss, ihr nehmt die linke Hälfte vom Grill, wir die rechte. Das Geschirr ist für alle da. Auf den Straßen überholen neue Audis und BMW's Pferdefuhrwerke, die aus ausrangierten LKW-Fahrgestellen bestehen. Nirgends lärmt ein Mähdrescher. Ein Laubbläser würde hier wirken, als käme er direkt aus der Terminator-Schreckenszukunft. Stattdessen sensen alte Ehepaare – sie in drei verschiedenen Blumenmustern, er in Hut, Oberhemd und Gummistiefeln – einträchtig die Felder. Das Heu wird per Hand zu Diemen aufgeschichtet, das Bier aus 2 1/2 Liter Petflaschen getrunken. Noroc!, ruft uns der Bauer mit "Hilfssheriff"-T-Shirt zu, auf dessen Land wir ungefragt campieren, lobt die Wahl unserer Biermarke, Timisoreana, und verabschiedet sich mit Buona Notte.

Wir wurden vor Bären gewarnt, aber die Einzigen, die sich mit uns anlegen wollten, waren wilde Hunderudel. Vielleicht hätten wir doch nicht die Schalldämpfer aus den Auspüffen entfernen sollen? Die Krämerläden, die Magazin Mixt, bauen Holzveranden mit Biertischen auf, an denen umso herzhafter luftgetrocknete Wurst und Bier verzehrt wird, je weiter der Tag sich verzieht. Und wenn die Promillegrenze überschritten ist, legt man sich einfach quer aufs Pferd und vertraut dem Tier den Nach-Hause-Weg an. Denn Pferde sind schon lange selbstfahrend, während es bei Autos noch Zukunftsmusik bleibt. Eins zu null für die rumänische Beharrlichkeit!

Die schönste Straße der Welt

Die Zurichtung des Lebens auf ein Publikum, das die Welt wie Fernsehabendunterhaltung konsumieren will, beobachteten wir in Sibiu/Hermannstadt, der einzigen größeren Stadt, in die wir einkehrten. Deutsch-siebenbürgische Vergangenheit und italienisches Flair vermischen sich zu einem Freilichtmuseum mit geleckten Vorzeigefassaden aus dem 19. Jahrhundert, Schlager-Folklore auf dem zentralen Platz und Salmonellen-Softeis, aber keinen Bettlern oder streunenden Hunden. Man bildet sich etwas darauf ein, statt einheimischem Bier Heineken und Beck's zu servieren. Oh, du globalisierter Gleichschaltungsstandard, dem wir gerade auf unseren alten BMW-Mühlen zu entkommen versuchten …

Die Serpentinenstrecke Trans Fagaras hat die englische Autosendung Top Gear zur schönsten Straße der Welt gekürt. Ex-Diktator Ceausescu hat mit der Straße einen wertvolleren Beitrag zur Kulturgeschichte geliefert als mit seinem Palast. Aber den Jubel der Top-Gear-Mannschaft kann man sich nur unter einer Voraussetzung erklären: Die Straße war für sie so exklusiv gesperrt, wie es sonst nur für Ceausescu selbst denkbar gewesen wäre. Kann man nicht auf dicke Politik- oder Fernseh-Hose machen, muss man sich den Schlängelkurs mit einer lückenlosen Kriecharmada aus Familienkutschen teilen. Wir zirkelten nicht nur durch die Kurven, sondern mussten auch permanent Haken um die beweglichen Hindernisse schlagen und wurden an jedem Aussichtspunkt von Eis schleckenden Kindern ausgebremst. Der erhabene Bergpass Trans Fagaras verzerrte sich so zu einem Autoscooter-Parcours auf dem Jahrmarkt.  

Die ganze Story mit allen Pannen und Unwägbarkeiten steht in Craftrad N°2, hier geht´s zur Ausgabe.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
December 25, 2017
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
Tim Adler
Newsletter abonnieren und immer auf dem neusten Stand sein:
Willkommen in der CRAFTRAD Familie!
Oops! Da ist etwas schief gelaufen. Prüf bitte noch einmal deine Eingaben.