Motorrad
December 12, 2017

Bultaco Albero Moto-Bike ‒ Ein Drehgriff wie die Großen

E-Mobilität zwischen Fahrrad und Motorrad. Testfahrt mit dem neuen Stadtflitzer Albero von Bultaco in Málaga.

Málaga im Süden Spaniens. Mit knapp 3.000 Sonnenstunden pro Jahr und Temperaturen, die selbst im Winter nur selten einstellig sind, ist die Stadt an der Costa del Sol der perfekte Ort für Testfahrten und kälteempfindliche Weihnachtsmuffel. Noch ist mir die kalte Jahreszeit fremd und so kommt die Einladung für den Launch des neuen Elektro-Stadtflitzers Albero von Bultaco genau zum richtigen Zeitpunkt.

Seit 2014 existiert die legendäre Motorradmarke aus Spanien unter gleichem Namen wieder. Dabei erinnert man sich nur allzu gern an die alten Modelle Sherpa, Alpina, Frontera und Co. Von 1958 bis 1983 hat man mit ihnen große Erfolge im Rennsport gefeiert und über 300.000 Einheiten aus 250 verschiedenen Modellreihen verkauft. Eine andauernde Rivalität zwischen Bultaco und dem damals größten Motorradhersteller Spaniens, Montesa, prägte den Kampf um die Vorherrschaft auf dem spanischen Zweiradmarkt. Viele der Bultaco-Maschinen gelten heute als wahre Kultobjekte, die Sammler-Herzen höher schlagen lassen. Seit der Wiederbelebung vor gut drei Jahren prangt das Firmenlogo mit ausgestreckten Daumen wieder auf Zweirädern. Doch statt Verbrennungsmotoren setzt man nun ganz auf Elektro-Antrieb.

Nur wenige Monate nach der Neugründung 2014 stellte Bultaco mit der Rapitán und Rapitán Sport zwei reinrassige Elektro-Motorräder der Weltöffentlichkeit in London vor. Als Prototypen sollen sie den Weg in die neue Zukunft der Marke deuten. Zunächst folgt jedoch ein Jahr später die Entwicklung und Produktion der Brinco-Serienmodelle, die als Crossover zwischen Mountainbike und E-Motorrad mit etwas über 5.000 Euro einen vergleichsweise preiswerten Einstieg in die Elektromobilität ermöglichen sollen ‒ das Konzept Moto-Bike wird geboren. Die erste Auflage verkauft sich gut, weitere Brinco-Versionen für den Offroad-Einsatz folgen. Etwas mehr als 2.000 verkaufte Exemplare später soll nun mit der Albero der urbane Großstädter für die Idee der Moto-Bikes gewonnen werden. Als Basis dient der gleiche robuste Aluminiumrahmen, der auch bei den Brinco-Modellen Verwendung findet. Mit Komponenten aus dem Fahrradsport, Pedalen und einer Fahrradschaltung ist auch das neue Produkt ein Schritt in die Schnittstelle zwischen Fahrrad und Motorrad.

Nach eingängiger Beschäftigung mit dem Datenblatt des Albero und den Brico-Modellen, packe ich meinen Rucksack für den Kurztrip in den Süden. T-Shirts und Sonnenbrille ergänzen Motorradhelm und Lederhandschuhe zu einem anständigen Spätsommer-Setup. Vorsichtshalber packe ich auch eine Regenjacke ein ‒ man kann ja nie wissen. Nur wenige Stunden später finde ich mich in der Altstadt Málagas wieder. Auch wenn die Sonne noch auf sich warten lässt, tut es gut mit Pullover durch die Stadt zu flanieren. Die Testfahrt mit dem Moto-Bike ist für den nächsten Tag angesetzt. Nach dem Dinner und einer ersten Begutachtung des neuen Bultaco-Zweirads gehe ich ins Bett und lausche dem fernen Grollen eines Gewitters. Wird schon nicht regnen, sage ich mir und schlafe ein.  Am nächsten Tag regnet es in Strömen. „Der letzte Schauer ist drei Monate her”, sagt man mir beim Frühstück. Meine Lust auf die Ausfahrt schwindet. Die Alberos stehen triefend nass vor dem Hotel und auch die an Trockenheit und Wärme gewöhnten Straßen kämpfen mit den schier unendlichen Wassermengen, die vom Himmel donnern. Regenjacke und Handschuhe sind schnell ausgepackt und erweisen sich schon jetzt als richtige Entscheidung.

Sommer, Sonne, Regenwetter

In kleinen Gruppen geht es zunächst vom Hotel zum Hafen. Die wenigen Kilometer reichen aus, um bis zur Unterhose nass zu werden. Egal, schlimmer geht jetzt nicht mehr. Voller Freude drehe ich jetzt vor großen Pfützen stärker am Gasgriff. Ich strecke die Füße von den Pedalen, ziehe meine Schuhe durchs Wasser und genieße die Welle – wieder alle Autofahrer und Motorräder an der letzten Ampel hinter mir gelassen. Mit einem Drehmoment von 60 Nm schiebt Albero ordentlich vorwärts.

Eco und Tour-Modus sind nur kurze Begleiter auf den ersten Metern. Sport macht einfach am meisten Spaß und durch zusätzliches Treten im höchsten Gang der 9-Gang-Fahrradschaltung sind sogar über 50 Kilometer in der Stunde möglich. Die Magura-Bremsen mit 203 Millimeter großen Scheiben arbeitern dabei fast schon angsteinflößend kraftvoll, was die dicken Reifen von Schwalbe schnell an ihre Traktionsgrenzen bringt. Zwar unterbindet das Ziehen der Bremshebel auch die weitere Kraftzufuhr des 2 KW starken E-Motors, dennoch erkennt man spätestens hier das Fahrrad und fehlende Bremstechnik wie ABS. Mehrfach blockiert das Hinterrad sofort, was bei komplett nasser Fahrbahn und rutschigen Steinböden in der Innenstadt schnell zur gefährlichen Schlitterpartie wird. Vom Hafen geht es weiter auf den zentrumsnahen Monte Victoria, von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt haben sollte. Knapp 200 Höhenmeter durch kurvige Serpentinen schlängeln wir uns mit 30 Kilometer in der Stunde mühelos den Berg hinauf. Die Batterieanzeige ist jetzt, nach 45 minütiger Fahrt im stärksten Leistungsmodus, nur um einen von zehn Balken ärmer. Der Himmel klart endlich ein wenig auf und gibt den eindrucksvollen Blick auf die Stadt samt Stierkampfarena für ein paar Minuten frei.

Wir fahren weiter. Mit einer Sondererlaubnis der Stadt ist uns die Durchfahrt der historischen Altstadt gestattet. Hier, wo der Untergrund nur aus extrem rutschigem Marmor und Stein besteht, schalte ich den E-Motor mit dem Kill-Knopf am Gashahn ganz aus. Ich teste die Fahrradgene des Albero und trete mit Muskelkraft. Die Fahrradschaltung macht nun besonders Sinn. Trotz der 42 Kg des Moto-Bikes und dem Motor am Hinterrad rollt das Bike extrem widerstandsarm. Lange Rollphasen auf gerader Fahrbahn sind so problemlos möglich. Kein Frage: Ohne Motor wird man einen Berg damit nicht erklimmen, aber wenn der Akku nach 50 Km Dauerbelastung im sportlichsten Modus schlapp macht, kann zumindest noch geradelt werden. Geht man sparsamer mit der Energie um und fährt auch mal längere Zeit mit Pedalunterstützung im Eco-Modus, so sind bis zu 100 Km ohne weiteres möglich. Dann stellt man zwar keinen Geschwindigkeitsrekord auf, aber zumindest ein flottes Fahrrad-Tempo von bis zu 30 Kilometern in der Stunde ‒ genug für schmale Gassen und Stop-and-Go-Verkehr in der Innenstadt.

Beim Fahrkomfort lässt sich wenig beanstanden. Am Vorderrad arbeitet eine gut abgestimmte 130 Millimeter Upside-Down-Gabel, während am Hinterrad 150 Millimeter einstellbarer Federweg für ausreichend Dämpfung sorgen. Flotte Sprünge über mehrer Stufen schluckt Albero fast wie seine großen Brüder, die Brinco-Modelle für den Offroad-Einsatz. Manövrieren lässt sich das Leichtgewicht dabei spielerisch, wie ein konventionelles Fahrrad.

Bultaco hat mit seiner jetzigen Produktreihe spannende Kleinkrafträder im Angebot, deren Anleihen zum Fahrrad bewusst offensichtlich gestaltet sind. Das soll jedoch in naher Zukunft nicht mehr ihr einziges Standbein bleiben. Mit Investitionen in Millionenhöhe sind in den kommenden Jahren vier weitere Modelle geplant. Dabei versteht sich das Unternehmen aus Madrid schon heute wieder als Produzent von Motorrädern. Auch deshalb hat man sich bewusst für die Typenbezeichnung „Moto-Bike” entschieden.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
December 12, 2017
Autor: 
Moritz Weinstock
Fotos: 
Bultaco
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