Motorrad
January 30, 2018

Unterschätzte Meisterwerke ‒ Cagiva Elefant 900

Moderne Klassiker für kleines Geld mit hoher Wertsteigerungsoption – je nach Verbastelungsgrad oder neudeutsch Customizing-Style.

Cagiva Elefant 900

Motor: Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-Ducati-L-Motor

Hubraum: 904 ccm

Leistung: 73 bei 6500 U/min

Drehmoment: 70 Nm bei 5500 U/min

Höchstgeschwindigkeit: 171 km/h

Trockengewicht: 225 kg

„The unknown soldier“ 

... und „the war is over“ – James Douglas Morrison wusste, wovon er sang. Cagiva schickte trotzdem einen Achill ins Feld und besiegte Hektor, Paris und all dieanderen hochbeinigen Wüstenhelden. Doch das war 1990. Nur fünf Jahre früher lancierte Cagiva eine unverkleidete Enduro: die Elefant. Angespornt durch Verkaufserfolge der BMW G/S und Hondas Reiseenduro mit Zweizylinder-V-Motor, zogen die Italiener mit diesem Modell nach. Die Elefant erlebte ihr Debüt mit einem längs eingebauten 650-ccm-Ducati-V-Motor, der 50 Pferdestärken abgab. Schnell wurden daraus 750 ccm, die die Optik eines maskulinen Wüstenkriegers manifestierten.

Den Wunsch nach Selbstfindung, dem personifizierten Abenteuer, erfüllte Cagiva erst 1990 mit der 904-ccm-starken Lucky Explorer. Ein Sieg bei der Paris-Dakar war Beweis dafür. Cagiva brachte ein Jahr darauf ein Sondermodell, die Elefant 900 i.e. Lucky Explorer auf den Markt. Mit 18.500 DM deutlich teurer als die Mitbewerber aus japanischer oder deutscher Produktion. Dafür bot Cagiva Ducati-Technik und hochwertige Federkomponenten. Nach zwei Jahren Produktionszeit war allerdings Schluss für diese Speerspitze. Zahmere Elefanten mit Zugeständnissen an den Massenmarkt folgten. Der Stern verblasste, „the war was over!“ Heute sieht man vermehrt Elefanten im Lucky-Explorer-Kleid. Die Lackierung ist schnell geändert, der Großstadtdschungel gegen die Wüste hingegen nicht. Gute Elefanten sind für 3.000 Euro leicht zu finden; echte Explorer so selten wie die Oase in der Sahara.

In einer Stadt, die nicht nur von einer extrem begrenzten Wohnraumsituation, sondern auch horrenden Mietpreisen geprägt ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Bleibe zu einer wahren Odyssee. Nach gut zwei Jahren permanenter Ortswechsel, finden sie im Februar 2017 das richtige Objekt. Das Container Collectiv am Ostbahnhof hält einen alten Schiffscontainer bereit, der noch auf neue Mieter wartet. Hier, inmitten von Künstler-Ateliers Bars und Cafés, scheint endlich die richtige Umgebung für das kreative Schaffen am geliebten Zweirad gefunden. Der Platz in der neuen Werkstatt ist zwar extrem begrenzt und auch der komplette Neuaufbau einer Maschine für einen Kunden fordert ihnen einiges ab, dennoch schaffen es die Jungs ihren ersten Auftrag zufriedenstellend in die Tat umzusetzen.

Custom Passion

Kaum hat die hübsche SR 500 als Scrambler ihren Container verlassen, folgen auch schon die nächsten Projekte. Aktuell ist es eine Yamaha XS 1100, die sie zu einem leistungsstarken und dennoch  komfortablen Cruiser umgebaut haben – englisches Understatement á la Jaguar eben. Da darf eine Lackierung in British Racing Green natürlich nicht fehlen, ebenso Lenkerbänder aus Leder und der Tank einer amerikanischen XS 1100, der für eine schlankere Linie sorgt.

Im dritten Jahr ihres Bestehens hat sich das Kollektiv an die Arbeit mit und für Kunden gewöhnt:

"Es ist interessant und auf eine andere Weise fordernd mit Ideen und der Inspiration des Kunden zu arbeiten und jedem Projekt zudem die eigene Handschrift zu verpassen."

Dabei ist für sie jeder Umbau ein echte Herzensangelegenheit. Mit ihrer Detailversessenheit versuchen sie Unikate zu schaffen, die ihren Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das mag zwar kitschig klingen, aber wer Wochen und Monate mit einer Maschine auf wenigen Quadratmetern in einem Container verbringt, der entwickelt einfach eine innige Bindung. So verwundert es kaum, dass ihnen so manch ein Abschied nicht ganz leicht fällt ‒ auch wenn das breite Grinsen zufriedener Auftraggeber für alle Mühen entlohnt.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 30, 2018
Autor: 
Redaktion
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