Motorrad
July 11, 2018

Can Am Spyder F3 – Kann man machen

Can-Am Spyder F3

In Schwarz wird der Spyder F3 angeliefert und uns vors Büro gestellt. Der nette Paketbote auf der anderen Straßenseite ist von dem Anblick so überrascht, dass er vergisst die Tür aufzudrücken, als sie ihm geöffnet wird. Ein alter Herr streckt im Vorbeifahren wohlwollend seinen Daumen aus dem Fenster und gibt zu verstehen, dass er die Kiste feiert. Mehr noch: Er parkt seine Limousine und kommt herüber. 1330 ccm aus einem 3 Zylinder Rotax-Motor, 105 PS und 130 Nm bei 6000 U/min stimmen ihn zufrieden – auch wenn er den kanadischen Hersteller Bombardier Recreational Products (BRP) nicht kennt. Erst als ich ihm mitteile, dass das Spaßgerät bei 18.000 Euro anfängt, beginnt er leicht den Kopf zu schütteln. Ab hier herrscht dann doch etwas Unverständnis für das Dreirad, aber nicht so viel, als dass es zur echten Enttäuschung reicht.

Feierabend. Ich schnappe mir meinen Helm, verstaue einen zweiten im 24L-Gepäckfach zwischen den Vorderreifen und ärgere mich, dass der Rucksack nicht auch noch Platz findet. Egal, dann lasse ich ihn eben an. Die Sitzposition hingegen ist super bequem, nur die Beine müssen derart weit auseinander gespreizt werden, dass jeder Chopper-Fahrer im Vergleich fast spießig wirkt. Macht nichts! Die tiefen Fußrasten und die langgestreckten Arme lassen ohnehin mehr Bobber-Feeling aufkommen. Jetzt noch schnell die Sonnenbrille angezogen, um möglichst unbemerkt und cool die Blicke anderer auffangen zu können.

Ab dafür!

Die halbautomatische Schaltung erfolgt am linken Lenkerende, wobei sich der Rückwärtsgang etwas umständlich mit zwei Tasten einlegen lässt. Gekuppelt werden muss dafür nicht und auch gebremst wird nur per rechtem Fuß. Zündschlüssel umgedreht und E-Starter gedrückt. Der Auspuff bollert schon im Leerlauf ganz ordentlich und lässt hoffen, dass da noch mehr kommt. Und es kommt mehr! Trotz der gut 400 Kilo Trockengewicht schieben die vielen Pferdchen gut nach vorne – kurzer Burnout an der Ampel inklusive.

Die Elektronik ist so abgestimmt, dass die Gänge nach oben hin nicht abgeriegelt werden und nur manuelles Schalten vor dem Motorschaden bewahrt. So dreht der erste Gang munter bis 7.000/min und katapultiert mich spielend auf 70 km/h; erst dann schalte ich in den zweiten und auch der hat Lust, weiter anzuschieben. Jetzt wird es Zeit die Stadt zu verlassen.

Am frühen Abend besuche ich mit dem Spyder einen Freund, der mit der Motorradwelt überhaupt nichts am Hut hat. Als Grafikdesigner ist er dennoch an dem Gefährt interessiert, wenngleich er die Transformer-artige Gestaltungsweise im Automobil- und Motorradbereich immer wieder kritisiert. “Wieso so viele Ecken und Kanten, wieso immer alles so grimmig aussehen lassen?” Damit trifft er einen Punkt. Etwas prollig wirkt der Can-Am nämlich schon, dafür kommt er gerade deswegen bei Kindern und Jugendlichen extrem gut an. Kreischend laufen sie die Bürgersteige auf und ab, wenn ich an einer Ampel halte. Ich fühle mich wie ein Jedi-Ritter auf seinem Raumgleiter oder besser: der braungebrannte Skilehrer auf seinem Snowmobil. Denn genau so fährt sich der Can-Am. Nur die Frauen bleiben aus, denn drei Reifen sind eben einer zu viel für echtes Motorrad-Sexappeal. Da hilft auch der einladende Sozius nichts.

Spyder fahren

Und dennoch. Seit ich den Spyder gefahren bin, fällt er mir vermehrt auf den Straßen auf. Dann aber oft mit Seitenkoffern, hoher Windschutzscheibe und niemals mit Einzelsitz. Man mag es eben so gemütlich wie auf einer Goldwing, ohne jedoch auf ein bisschen jugendlich-freche Erscheinung verzichten zu müssen – auch deshalb die aggressive Front und das insgesamt doch sehr grimmige Erscheinungsbild.

Das reine Fahrgefühl verwirrt den Motorradfahrer allerdings. Man lenkt und sitzt wie auf zwei Rädern, nur die Seitenneigung fehlt in den Kurven. Der kurvenäußere Arm muss also lang gemacht werden, was sich speziell bei schnellen Kurven seltsam anfühlt. Also schnell den rechten Fuß betätigt und das Ding in Zaum gehalten. Apropos in Zaum halten. Der Spyder F3 protzt nur so mit elektronischem Schnickschnack. Der fängt beim Boardcomputer mit seinen vielen Funktionen an und findet seinen Höhepunkt bei der elektrischen Handbremse. Ein bisschen dauert es, bis ich mit dem Prozedere vor dem Losfahren vertraut bin. Fußbremse betätigen, Zündschlüssel umdrehen, Eco-Modus auswählen, Zündung drücken. Erst dann springt der Spyder an und erfreut wieder mit dem sonoren Auspuffsound.

Fazit, ein Wort, das dem jungen Redakteur ein leicht unwohles Gefühl in der Magengegend bereitet. Allzu leicht lehnt man sich zu weit oder zu wenig aus dem Fenster. Wie also einordnen, wenn jahrzehntelange Erfahrung fehlt? Vielleicht so: Der Can-Am Spyder F3 ist da und macht erstaunlich viel Spaß. Mein Rat für all jene, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld: kann man machen!

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
July 11, 2018
Autor: 
Moritz Weinstock
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