Kunst & Kultur
February 28, 2018

CRAFTRAD liest

Ein kritischer Blick, aktueller denn je.

Vor einigen Jahren – die Wirtschaftskrise in den USA war gerade in vollem Gange – schrieb Matthew B. Crawford ein Plädoyer für das Handwerk. Manuelle Arbeit nicht als minderwertige Tätigkeit der Unterschicht, sondern als tugendhafte Leistung im Sinne der ganzen Gesellschaft. Sein kleines Büchlein schaffte es 2009 sofort in die Bestsellerliste der „New York Times“.

Crawford ist Autodidakt; Elektriker, Mechaniker, aber auch Doktor der Philosophie – und sein eigener Chef. Denn die moderne, abstrakte Arbeitswelt bietet für ihn viele Tücken, denen er in seiner eigenen Motorrad-Werkstatt entfliehen kann. Autonomie und Zufriedenheit als größtes Ziel. An der Werkbank und auf dem Sattel alter Motorräder fand er schließlich die Inspiration für sein Buch, das die Brücke schlägt zwischen kurzweiliger Unterhaltung und spannenden Blickwinkeln auf unseren Alltag.

In einer globalen Wirklichkeit, die vor Komplexität nur so schreit, in der Probleme gemanagt statt gelöst werden und Scheitern als Malus gilt, zeigt Crawford die erschreckenden Lücken im System: Das proletarische Arbeiten wird von der Oberschicht mit rosaroter Brille verherrlicht. Die Industrie redet uns Innovationen schön, die allein der Entfremdung vom Sachlichen dienen. Entbehrungen und Risiken werden als unüberwindbare Hürden verstanden, was uns als Gesellschaft zu einer gleichförmigen, uninspirierten und scheuen Masse macht. All dies hat Konsequenzen. Etwa die Sehnsucht, neben dem Job im Glaspalast mal wieder etwas Greifbares mit den eigenen Händen anzufangen. Sicher, damit kann eine Gesellschaft gut umgehen.

Doch anderer Konsequenzen unseres Handelns im technokratischen Zeitalter scheinen wir uns nur begrenzt bewusst zu sein. Seit der Erfindung des Fließbands wird das Denken vom Tun immer weiter getrennt. Das Ding wird zum Unbekannten, der Arbeitslohn zur Entschädigung eines erstickenden Bürolebens. Auch das Bildungssystem hat auf diese Entwicklung nur begrenzt reagiert. Künstliche Lernumgebungen führen dazu, dass die Kultur des Handwerks so unsexy ist wie nie zuvor. Lieber Nadelstreifen statt Blaumann …

In seiner Aussage ist Crawford sowohl schlüssig als auch eindeutig. Kant, Aristoteles oder Marx zitierend tritt er ein für den freien, mutigen Geist. Für Hingabe, Stolz, Erfahrung und Neugier. Wir sollen die Dinge nicht nur austauschen, sondern sie verstehen, bewahren, instand setzen und wertschätzen. Nur so, meint Crawford, werden wir uns unserer Abhängigkeit vollends bewusst.

Sein kritischer Blick auf die Moral unserer materiellen Kultur scheint von Tag zu Tag nur noch aktueller zu werden. Es ist also Zeit, dass wir mal wieder ein paar Dinge in die Hand nehmen. Dieses Buch zum Beispiel …

Konsequent neben der Spur • Fuel Bespoke Motorcycles 

Karles Vives hat sich schon 2012 in Barcelona auf Scrambler-Umbauten  spezialisiert. Seine persönliche Vorliebe macht ihn zum Vorreiter der aktuellen Offroad-Welle. Die bedient er mittlerweile mehr mit Mode als mit Motorrädern. Aber seine Umbauten sind immer wieder Augenöffner.

Dicke Stolle in Westpommern • Zum Scrambler Fever nach Polen

Redu von der Stettiner Custom-Werkstatt Red Hot Chili Customs lädt einmal im Jahr zum Offroad-Wochenende in Polen. Die CRAFTRAD-Crew war dabei und hat ordentlich Würstchen geschnorrt.

Auf der Goldroute • Zwei Brüder schlagen sich durchs nasskalte Brasilien

Zum Abschied aus seiner Heimat Brasilien ist der Fotograf Christian Gaul mit seinem Bruder auf eine Motorradtour gegangen, um noch einmal mit der Kamera die einzigartigen Menschen des Landes zu porträtieren.

Moto Safari • Südafrika für Helden

Die Vorzeige-Freizeithelden Harry Mark und Forrest Minchinton schlagen sich mit großem Hallo von Kapstadt durch die südafrikanischen Schotter-Täler. Der Tourenanbieter Moto Safari hält ihnen den Rücken frei.

Das Jahrhundert-Motorrad • 50 Jahre Honda CB 750

Die neue Custom-Szene ist untrennbar verbunden mit einer Umbau-Basis: der Honda CB 750. In den 70ern setzte sie den Standard für die Big Bikes, in den 2000ern inspirierte sie zur Cafe-Racer-Renaissance. Diesem Klassiker geht einfach nicht die Puste aus, auch nach einem halben Jahrundert nicht.

Der Lohn der Gerechten • El Solitario auf Outlaws-Rallye

David Borras geht mit 50 Mitverschwörern auf Offroad-Rallye an der portugiesisch-spanischen Grenze. Schießwütige Farmer und hinterhältiger Morast halten sie nicht auf. Beste Laune auch ohne Hinterradbremse.


Jetzt die neue Ausgabe bestellen!

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
February 28, 2018
Autor: 
Sven Wedemeyer
Newsletter abonnieren und immer auf dem neusten Stand sein:
Willkommen in der CRAFTRAD Familie!
Oops! Da ist etwas schief gelaufen. Prüf bitte noch einmal deine Eingaben.