Motorrad
April 1, 2018

Unterschätzte Meisterwerke – Honda XLV 750 R

Moderne Klassiker für kleines Geld mit hoher Wertsteigerungsoption – je nach Verbastelungsgrad oder neudeutsch Customizing-Style.

Honda XLV 750 R

Natürlich, die Pariser haben's drauf. Wer fährt schon so was Ordinäres wie eine BMW G/S? Die Honda XLV ist das Bike aus dem Schattenreich, auf das sich heute garantiert alle Scheinwerfer richten. Zweizylinder, Kardan, Scheibenbremse vorne, Trommel hinten, die Vor-Vorgängerin der Africa Twin teilt sich viele Spezifika mit der G/S. Aber sie tritt eine ganze Portion ruppiger auf. Wo das Staubsaugerrohr der G/S säuselt, knattern die Marving-Töpfe der Honda so unverschämt, wie es nur in den 80ern definiert wurde. Bei 50 Kubik kleinerem Motor sticht sie mit 61 PS die BMW um 11 PS aus. Die XLV wirkt aufgebockter und dreckschleuderiger. Während die G/S ihre Manieren im Eliteinternat gelernt hat, kommt die XLV aus einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Genau die Aura, die stylishe Franzosen von einer Enduro erwarten. Wenn schon, denn schon! In Deutschland sind keine 200 Stück mehr angemeldet, aber in Paris wurde CRAFTRAD-Trüffelschwein Jan Zühlke prompt fündig. Mit durchgerosteten Endtöpfen (Marving plus, sozusagen) durchknatterte er die französischen Gebirge gen Berlin. So lief's: Mehr als 130 km/h sind nicht zumutbar, das Fahrwerk ist kein Brett, man kann auch mal nach dem Öl gucken, auf Straßen ohne Mittelstreifen, die noch kein EU-Förderungstopf geglättet hat, wird’s der XLV richtig wohlig. Wer eine Touren-Enduro sucht, zu der ein Motocross-Helm besser passt als ein Jethelm, der sollte die Motos-Usagées-Websites durchstöbern.

Und hier die XLV von CRAFTRAD

In einer Stadt, die nicht nur von einer extrem begrenzten Wohnraumsituation, sondern auch horrenden Mietpreisen geprägt ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Bleibe zu einer wahren Odyssee. Nach gut zwei Jahren permanenter Ortswechsel, finden sie im Februar 2017 das richtige Objekt. Das Container Collectiv am Ostbahnhof hält einen alten Schiffscontainer bereit, der noch auf neue Mieter wartet. Hier, inmitten von Künstler-Ateliers Bars und Cafés, scheint endlich die richtige Umgebung für das kreative Schaffen am geliebten Zweirad gefunden. Der Platz in der neuen Werkstatt ist zwar extrem begrenzt und auch der komplette Neuaufbau einer Maschine für einen Kunden fordert ihnen einiges ab, dennoch schaffen es die Jungs ihren ersten Auftrag zufriedenstellend in die Tat umzusetzen.

Custom Passion

Kaum hat die hübsche SR 500 als Scrambler ihren Container verlassen, folgen auch schon die nächsten Projekte. Aktuell ist es eine Yamaha XS 1100, die sie zu einem leistungsstarken und dennoch  komfortablen Cruiser umgebaut haben – englisches Understatement á la Jaguar eben. Da darf eine Lackierung in British Racing Green natürlich nicht fehlen, ebenso Lenkerbänder aus Leder und der Tank einer amerikanischen XS 1100, der für eine schlankere Linie sorgt.

Im dritten Jahr ihres Bestehens hat sich das Kollektiv an die Arbeit mit und für Kunden gewöhnt:

"Es ist interessant und auf eine andere Weise fordernd mit Ideen und der Inspiration des Kunden zu arbeiten und jedem Projekt zudem die eigene Handschrift zu verpassen."

Dabei ist für sie jeder Umbau ein echte Herzensangelegenheit. Mit ihrer Detailversessenheit versuchen sie Unikate zu schaffen, die ihren Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das mag zwar kitschig klingen, aber wer Wochen und Monate mit einer Maschine auf wenigen Quadratmetern in einem Container verbringt, der entwickelt einfach eine innige Bindung. So verwundert es kaum, dass ihnen so manch ein Abschied nicht ganz leicht fällt ‒ auch wenn das breite Grinsen zufriedener Auftraggeber für alle Mühen entlohnt.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
April 1, 2018
Autor: 
Jan Joswig
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