Kunst & Kultur
January 17, 2018

Aus dem Alltag des Herrn T. – Die Messdiener

Fortschritt unter Kunstlicht

Motorradmesse, ausgerechnet an diesem sonnigen Herbsttag. Keine Ahnung, wie mich mein Kumpel Torsten* dazu überreden konnte. Eigentlich das perfekte Wetter, um mit meiner umgebauten Kawa Scrambler über staubige Feldwege zu braten, linkes Bein rausgestreckt, der Stollenreifen pflügt durch den Schotter und der Twin wummert zufrieden im oberen Drehzahlbereich. 

Die Realität holt mich wieder ein: Stau vor dem Parkhaus und am Eingang wartende Biker in bunten Motorradjacken. Unspontane Saison-Kennzeichen-Fahrer kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln und fuchteln ungeduldig mit ausgedruckten Online-Reservierungen herum. Unsere an der Kasse bar bezahlten Tickets werden von einer zu fett geschminkten Hostess entwertet und zischend öffnet sich die Automatiktür. 

Wir tauchen ein in die künstliche Zwischenwelt. Parfümierte Luft wabert kalt aus der vollautomatischen Klimaanlage und klinisches Neonlicht erhellt die überdesignten Messestände der Hersteller. Torsten will sich ein Motorrad kaufen, das hat er gesagt. Die Leasingbank hat auch schon ihr Okay gegeben. Ein brandneues natürlich, mit allen technischen Innovationen. 

Hightech, das ist sein Fetisch. Er ist 100 Prozent Zielgruppe, das lieben die Hersteller. Und die zünden natürlich ein Feuerwerk für Augen und Ohren, um solche Typen zu begeistern. Torsten hat sofort angebissen: Vollverkleidung im bunten New-Edge-Design (wegen cw-Wert und Spritverbrauch und so). Beheizbare Ergonomie-Sitzbank, 300 Sachen ist schließlich kein Ponyreiten. Dazu ein aktives Fahrwerk mit unzähligen Voreinstellungen. Digitales Cockpit für sämtliche Aggregatzustände von Mensch und Maschine? Traktionskontrolle und Anfahrhilfe mit Launch-Control? Magnesium-Felgen mit 6-Kolben-Bremse und ABS? Drehzahlfester Reihenvierzylinder mit variabler Ventil-und Auspuffsteuerung im Carbon-Rahmen mit Achsschenkellenkung und Einarmschwinge? Selbstverständlich, her damit! 

Neben diesem Wahnsinn auf zwei Rädern wirkt selbst das Lightcycle-Bike aus Tron wie eine Vorkriegs-DKW. An dieser Stelle ziehe ich die Trommelbremse! Raus hier, bevor mein analoges Gehirn vor so viel Fortschritt kollabiert. Torsten versteht meine Phobie nicht und verteidigt die Zukunft im Motorradbau.

 „Wenn jeder so denken würde wie du, dann müssten wir immer noch mit Vorkriegs-DKWs über Kopfsteinpflaster knattern. Du verweigerst dich dem Fortschritt und der Zukunft, du Ignorant.“

Gekauft hat Torsten auf dieser Messe nix, aber so ganz heimlich muss ich ihm recht geben. Forschung, Entwicklung, neues Design und technische Innovationen bereichern die Motorradwelt ja seit vielen Jahrzehnten. Und was nicht gefällt, wird einfach abgeschraubt oder umgebaut. Wir verlassen die künstliche Welt und blinzeln inspiriert in die Sonne. Es lebe der Fortschritt.

(*Name aus nachvollziehbaren Gründen geändert)

In einer Stadt, die nicht nur von einer extrem begrenzten Wohnraumsituation, sondern auch horrenden Mietpreisen geprägt ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Bleibe zu einer wahren Odyssee. Nach gut zwei Jahren permanenter Ortswechsel, finden sie im Februar 2017 das richtige Objekt. Das Container Collectiv am Ostbahnhof hält einen alten Schiffscontainer bereit, der noch auf neue Mieter wartet. Hier, inmitten von Künstler-Ateliers Bars und Cafés, scheint endlich die richtige Umgebung für das kreative Schaffen am geliebten Zweirad gefunden. Der Platz in der neuen Werkstatt ist zwar extrem begrenzt und auch der komplette Neuaufbau einer Maschine für einen Kunden fordert ihnen einiges ab, dennoch schaffen es die Jungs ihren ersten Auftrag zufriedenstellend in die Tat umzusetzen.

Custom Passion

Kaum hat die hübsche SR 500 als Scrambler ihren Container verlassen, folgen auch schon die nächsten Projekte. Aktuell ist es eine Yamaha XS 1100, die sie zu einem leistungsstarken und dennoch  komfortablen Cruiser umgebaut haben – englisches Understatement á la Jaguar eben. Da darf eine Lackierung in British Racing Green natürlich nicht fehlen, ebenso Lenkerbänder aus Leder und der Tank einer amerikanischen XS 1100, der für eine schlankere Linie sorgt.

Im dritten Jahr ihres Bestehens hat sich das Kollektiv an die Arbeit mit und für Kunden gewöhnt:

"Es ist interessant und auf eine andere Weise fordernd mit Ideen und der Inspiration des Kunden zu arbeiten und jedem Projekt zudem die eigene Handschrift zu verpassen."

Dabei ist für sie jeder Umbau ein echte Herzensangelegenheit. Mit ihrer Detailversessenheit versuchen sie Unikate zu schaffen, die ihren Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das mag zwar kitschig klingen, aber wer Wochen und Monate mit einer Maschine auf wenigen Quadratmetern in einem Container verbringt, der entwickelt einfach eine innige Bindung. So verwundert es kaum, dass ihnen so manch ein Abschied nicht ganz leicht fällt ‒ auch wenn das breite Grinsen zufriedener Auftraggeber für alle Mühen entlohnt.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 17, 2018
Autor: 
Redaktion
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