Portraits
March 5, 2015

Los Muertos Motorcycles

Das Malay Quarter, auch Bo Kaap genannt, inmitten Kapstadts: Ein Viertel, dessen Häuser so bunt sind wie die Ethnien seiner Bewohner, übersät mit hoch ragenden Minaretten, gezeichnet von kolonialer Architektur, drangsaliert von der Sonne, – und sprühend vor Lebensfreude und Esprit. Mitten drin ein Laden, der sich „die Toten“ nennt. „Los Muertos“ ist eine der Custom-Bike-Schmieden in Südafrika und versteht ihren Namen eher ironisch.

 

Ich treffe einen ihrer Besitzer, Steven Pitt. Steven ist für die Swart Gevaar XL 500 verantwortlich, eines meiner absoluten Lieblingsbikes. Neben Renderings für zukünftige Objekte der Begiere, bekomme ich auch sie zu sehen. Ich werde nicht enttäuscht, was für ein Motorrad! Durch und durch südafrikanisch. Steven ist nicht verlegen, mich aufzuklären, was das eigentlich heißt – südafrikanisch – und warum es seine Werkstatt so nur in Kapstadt geben kann.

 

Craftrad: Die Entstehungsgeschichte von Los Muertos ist nicht ganz gewöhnlich. Wie habt ihr angefangen?

Ursprünglich steckt mein Kollege Craig Wessels dahinter. Ihm gehört die Animationsfirma Wicked Pixels, die damals anfing, ihre Fühler in Richtung Filmproduktion auszustrecken. Er wollte sich von der Konkurrenz abheben, und da er, wie ich auch, schon immer in Motorräder vernarrt war, dachte er sich: warum der Produktionsfirma nicht eine Werkstatt und einen Laden anschließen?

 

Filmproduktion und Bikeproduktion? Passt das?

Zugegeben, es klingt zunächst etwas absurd, aber es passte: Motorräder haben seit einiger Zeit wieder Konjunktur, sie sind wieder „cool“, und sie geben der Firma ihren Wiedererkennungswert. Auf der anderen Seite ist der Laden gleich eingebettet gewesen in ein kreatives und produktives Business. Dieses Konzept macht uns zu einem Unikat.

 

Wie sah euer Laden damals aus?

Zunächst haben wir hauptsächlich Produkte von anderen Brands verkauft. Über die Zeit haben wir die aber fast alle durch eigene ersetzt. Uns ist wichtig, vielfältig zu sein. Das geht mit eigenen Produkten am besten. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Ex-Pro-Surfer Dutchie Louw zusammen und bei uns stehen jetzt unter anderem Surfboards im Laden. Das mögen manche vielleicht unpassend finden, aber es passt zu unserer Idee. Und den Leuten gefällt es.

 

Ihr zeichnet euch durch ein recht minimalistisches Retro-Design aus. Was inspiriert dich?

Wie viele Designer suche ich nach außergewöhnlich schönen Entwürfen und versuche das Beste daraus zu vereinen. Viel Inspiration finde ich in allem, was retro ist, wie die Farben von alten Rennautos. Am liebsten arbeite ich aber immer noch mit klassischen schwarz-weißen oder grauen Kombos. Wir passen uns keinen bestimmten Trends an.

 

Worin zeigt sich “Der Tod” in Deinen Entwürfen?

Ich versuche mit meinen Designs immer unserem Namen gerecht zu werden - auch wenn ich offensichtlich den Ethos, da wörtlich genommen zu werden, meide. Es konzentriert sich auf alles, was mit dem Toten und Dunklen zu tun hat. Der Sarg ist beispielsweise ein wichtiges Element, in letzter Zeit auch die Fledermaus. Es bewegt sich aber alles im Ironischen, es soll nicht hardcore sein. (lacht)

 

Was macht euch zu einem südafrikanischen Label?

Hier im Süden Afrikas sind wir so ziemlich am Arsch der Welt. Aber an einem, an dem es unglaublich viele, brillante Motorrad-Brands gibt! Was uns besonders macht ist unsere Sprache. Das soll sich auf unseren Motorrädern und unseren Klamotten wiederspiegeln.

 

Wie zum Beispiel?

In den 80ern, als wir noch klein waren, hat uns Afrikaans geprägt. Ich glaube, dass uns diese Sprache zu etwas Besonderem macht. „Swart Gevaar“, schwarze Gefahr, aus der Zeit der Apartheid auf ein Motorrad zu schreiben ist provozierend. Aber eben auch zutiefst südafrikanisch. Zumindest heben sich südafrikanische Marken so vom Rest der Welt ab. Und wir heben uns hier in Südafrika ab, weil wir einen spanischen Namen haben.

Welche Events kannst du Petrol Heads, die Südafrika bereisen, empfehlen?

Kalahari Desert Speed Week. Das gibt es jetzt seit drei Jahren und wir waren jedes Mal dabei. Es findet in Hakskeenpan statt, ein riesiges ausgetrocknetes Seebett in einem nördlichen Zipfel Südafrikas, quasi eingeklemmt zwischen Namibia und Botswana. Es ist unfassbar schön dort. Die Wüste, der unendlicher Himmel und 600 km² See, zum drum herum fahren: der Wahnsinn!

 

Sind solche Events für die neue Generation an Motorradfahrern gemacht?

Steven: Unterschiedlich. Dusty Rebels and Bombshells ist zum Beispiel eher ein Rockabilly Event und findet auf einer großen Farm in Ostrich statt. Es gibt einen Haufen Rallyes, bestimmt zehn große pro Jahr. Da brettern sie dann wie bekloppt durch die Wüste, das grenzt schon fast an Selbstmord. (lacht) Ich mag das, aber das Publikum dort ist natürlich nicht so eingefleischt, wie das bei der Speed Week.

Wie unterscheiden die sich?

Wer zur Speed Week will, muss erstmal zwei Tage dort hin fahren. Das ist noch einmal eine andere Dimension an Aufwand. Dafür trifft man dort auf Leute, die das Motorradfahren wirklich leben, und dieser Kreis ist dann doch deutlich kleiner. Da trennt sie die Spreu vom Weizen. Das genießen wir, wenn wir eben nicht auf einem Festival sind, wo jeder Idiot schnell mal angerattert kommt, weil er ein Bike besitzt und dich dann vollquatscht.

 

Was nimmst du auf Deine Trips mit?

 

Ich persönlich: nicht viel. Ein Paar Jeans, ein Paar Schuhe, Shirt, Sweater, Jacke, Helm. Mein Leatherman Tool, eine gute Karte. Das war’s. Ich brauche nur das Nötigste. Und damit überlebe ich auch einen Zehn-Tage-Trip. Wichtiger ist sich gründliche Gedanken über die Route und das passende Motorrad dafür zu machen.

 

Was unterscheidet Trips in Südafrika von denen in Europa oder Amerika?

Um ehrlich zu sein, hat uns unsere Heimat in Hinsicht Fahrspaß ziemlich verdorben. Ich war zugegeben nicht sehr viel in Europa und Amerika unterwegs, aber hier haben wir vergleichsweise eine fantastische Abwechslung an off- und on-road Strecken. Tolle Landschaften mit Seen und Pässen gibt es sicher auch in Deutschland oder Belgien oder Frankreich, keine Frage. Die Straßenoberflächen hier machen das Fahren jedoch einzigartig. Zudem kann man wochenlang durch die Gegend fahren, ohne zwei Mal auf der selben Straße zu landen. Wir haben schon ziemlich viel Glück, was die Voraussetzungen angeht!

Gibt’s ein Traum-Motorrad?

Jesus, das ist schwer, ich mag so viele Bikes! Wahrscheinlich eine Kawasaki H2 Triple Two-Stroke aus den 70ern, der „Widowmaker“.

 

Und das Traum Custom-Bike?

Ich bin ein großer Anhänger von alten japanischen Motorrädern, die schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Und die originalen  aus den 70er Jahren, aber die hier zu bekommen, ist fast unmöglich.

 

Warum gerade die Japaner?

Sie sind einfach die besten Ingenieure. Seit der CB 9 aus dem Jahr 1969 sind diese Dinger unkaputtbar. Im Gegensatz zu den britischen oder italienischen, hatten die japanischen Motorräder nie größere Konstruktionsfehler. So eine original H1 500 oder H2 750 umzubauen, wäre genial. Das wär mal ein anständiges Bike zum fahren! Wahrscheinlich auch der schnellste Weg in den Tod. (lacht)

 

Bestimmte Ziele für Los Muertos?

Auf jeden Fall Übersee zu gehen. Das wird noch eine Weile dauern, da das organisatorisch und rechtlich nicht ganz einfach ist. Global präsent zu sein, ist dann das weitere Ziel. Aber erst einmal versuchen wir uns auf Südafrika zu konzentrieren. Wichtig ist, dass der Kunde in Zukunft nicht mehr zu unseren Produkten kommen muss, sondern unser Produkt zum Kunden. Für uns heißt das: Lager aufbauen und den Online-Shop erweitern. Und natürlich viele Motorräder bauen!

 

Dann unabhängig vom Kunden?

Wir haben schon was in die Richtung gemacht. Wenn ein Kunde dir gewisses Budget zur Verfügung stellt, weil er deiner Arbeit so vertraut, dann fühlt sich das ziemlich gut an. Es ist der Kunde, der mir die Möglichkeit gibt, dass ich meine Ideen verwirklichen kann. Das weiß ich ungemein zu schätzen.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
March 5, 2015
Autor: 
Redaktion
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