Reise
December 19, 2018

Mit den Buddies nach Budweis

Mit den Buddies nach Budweis

Unzählige Arbeitsstunden sind in den kleinen Zweitakter geflossen, den Andrew Almond und Simone Fiore von Bolt Motorcycles aus London für Budweiser Budvar gebaut haben. Klar, dass ihnen bei diesem Auftraggeber kein Japaner oder Engländer auf die Werkbank kommt. Stattdessen haben sie sich für eine Jawa CZ 250 aus den 1960er Jahren entschieden. Ihr Um- und Neuaufbau sollte dabei vor allem eines sein: eine möglichst authentische Neuinterpretation eines tschechischen Klassikers. Tief in der Geschichte des ehemaligen Motorrad-und Automobilherstellers haben sie gegraben, sich Inspiration in Museen und Büchern geholt und gleichzeitig auch immer im Hinterkopf behalten, Budweiser Budvar als Absender stilvoll zu integrieren.

© Bolt London

Dann ist es soweit, nach Monaten schweißtreibender Arbeit ist die Jawa bereit für ihre erste Ausfahrt. Doch statt nur ein paar Runden um den Block zu drehen, trommeln Andrew und Simone ein paar Freunde zusammen und weiten die wenigen Testfahrt-Kilometer auf einen mehrtägigen Roadtrip quer durch Europa aus. Ziel ist die weltberühmte Budweiser Brauerei in Budweis, Tschechien, gut 1.300 Kilometer östlich von London. Schnell sind die richtigen Kompagnons gefunden, die Satteltaschen mit dem Notwendigsten gepackt und die Fähre nach Holland bestiegen. Ein paar Stunden später kommt das sechsköpfige Team gegen frühen Abend in Hoek van Holland, nähe Den Haag an. Von hier geht es nach Amsterdam, ihrem ersten Zwischenstopp, zur Grillparty bei Rusty Gold Motorcycles. Kaum hat der Roadtrip begonnen, wird er mit Bier begossen und die kleine Jawa findet erste Liebhaber.

Am nächsten Morgen geht es nach einem starken Kaffee und ein paar Sandwiches weiter. Ziel für den heutigen Tag ist das gut 360 Kilometer entfernte Hannover. Flaches Grasland, Gewächshäuser, Windmühlen und ein paar wenige Wolken am azurblauen Himmel ziehen im Cruise-Tempo an ihnen vorbei, mehr als 90 Km/h schafft die Jawa ohnehin nicht.

Die Hauptstadt Niedersachsens ist kaum mehr als ein Nachtquartier für die Truppe, Erholung und Krafttankstelle für die längste Etappe der Reise am nächsten Tag. Prag steht für morgen auf der Liste und damit ein gut 460 Kilometer langer Härtetest für Mensch und Maschine. Aber sie schaffen es trotzdem. Am frühen Abend erreichen sie die tschechische Hauptstadt, wo sie Stan, der Besitzer von Denim Heads, bereits in seinem Laden in der historischen Altstadt erwartet.

Nun ist der Großteil der Reise geschafft. Die Freude über die gut überstandenen Marathon-Etappen ist groß, allerdings hat gerade das letzte Stück der Jawa schwer zugesetzt. Irgendetwas funktioniert nicht mehr so wie es soll, doch bevor es an die Fehleranalyse geht, wird erstmal Bier und später Kraft getankt. Die kräftige böhmische Küche ist genau das richtige für die hungrige Meute.

Care and Repair

Kaum ist der nächste Tag angebrochen, sitzen Andrew und Almond vor ihrer Jawa. Kupplung und Getriebe sind ordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden und so wie es aussieht, bedarf beides einer gründlichen Überholung. Wie gut, dass sie genau im richtigen Land für diesen Motorradtyp sind. Freunde und Bekannte helfen weiter und wenig später ist ein Ersatzteilspender 60 Kilometer außerhalb Prags gefunden. Für die Reparaturarbeiten empfiehlt man ihnen Kontakt zu Milan Chalupnik von MCH Girage aufzunehmen. Erst vor wenigen Tagen ist der Inhaber verstorben, aber Schwiegersohn und Enkel sind trotz des Trauerfalls bereit zu helfen.

“Nachdem sie unsere Story gehört hatten, wollten sie unbedingt helfen - für Milan und die gemeinsame Liebe zur Marke JAWA”

Milan hat als Ingenieur bei Jawa gearbeitet und ist für das Werksteam Rennen gefahren, bei lokalen Wettkämpfen und Meisterschaften in den 50er Jahren. Frantisek “Franta” Stastny war ein guter Freund und ein Star des Rennsports jener Zeit. Nach einem Unfall in den 70ern, übergab Milan seine Jawa Rennmaschine an Franta, der sie bei der “Classic TT” auf der Isle of Man fuhr. In einem abgesperrten Raum stehen zwei identische, voIlverkleidete Jawa’s auf Werkbänken.

Eine der beiden ist das Motorrad, auf dem Franta die Isle of Man bezwang. Die Werkstatt erzählt von einer glorreichen Rennvergangenheit, überall hängen Fotos, jeder Raum ist gefüllt mit Erinnerungen, Relikten und alten Motorrädern.

“Ein unvergesslicher Ort, den wir erst verlassen durften, als wir über das ganze Potenzial, Tips und Tuningtricks unserer Jawa aufgeklärt waren”

Bestens gerüstet für die letzten Kilometer nach Budweis, geht es die Gruppe nochmal ganz entspannt an. Ein letzter Halt, nur eine halbe Stunde entfernt vom Ziel, im Tippizelt-Dorf Branná in Kanak an der Moldau.

Es ist ein fester Bestandteil der Rafting-Touren, die Kinder und Familien hier entlang des magischen Flusses machen. Und die Jungs und Mädels von Bolt machen hier nochmal Pause. Nach fünf Tagen “On the Road”, erfrischen sie sich mit einem Bad im Fluss, lassen ihre Gedanken beim Abendessen am Lagerfeuer schweifen und genießen die romantische Atmosphäre mit Gitarrenmusik.

Bei strahlendem Sonnenschein legen sie am nächsten Morgen den letzten Abschnitt ihrer Reise zurück und liefern die Jawa in Budweis bei der Brauerei ab. Spricht man mit Andrew über seine Erfahrungen mit der Jawa auf dieser langen Testfahrt, so beschreibt er sie so:

“Sie ist nicht so schnell, wie sie klingt und du spürst jedes noch so kleine Schlagloch in der Straße, aber es ist genau dieses ursprüngliche, rohe, das dieses Motorrad so perfekt macht und einen Roadtrip damit unvergesslich”
Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
December 19, 2018
Autor: 
Moritz Weinstock
Fotos: 
Fabio Affuso
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