Kunst & Kultur
August 23, 2018

Retro-Kunst: Schildermalerei

Nuts Art Works

Ein Künstler will er eigentlich gar nicht sein. Naoto Hinai sieht sich selbst als Schildermaler, obwohl er diesen Beruf nie erlernte. Sein Handwerk betrachtet er als kommerzielle Kunst. Nicht weil sie verkäuflich ist – natürlich ist sie das –, sondern weil er mit Schriften und Grafiken das Geschäft seiner Kunden ankurbeln will. Auch wenn diese manchmal gar nicht existieren. In diesem verwirrenden Spannungsfeld zwischen grenzenloser Fantasie, notwendigem Pragmatismus und begeisterter Liebe für die Kulturgeschichte der westlichen Welt ist Naoto Hinai gefangen. Und fühlt sich trotz dieser Fesseln pudelwohl.

Bereits im zarten Teenie-Alter, als die Metropole Tokio für den Country-Boy noch in weiter Ferne lag, konnte sich Naoto für amerikanische Mode, Musik und die Arbeiten von Hot-Rod-Legende Ed Roth begeistern. Rat Fink und die 50er hatten es ihm angetan, sodass es für ihn auf der Hand lag, der Retromanie im Secondhandshop seiner Heimatstadt zu frönen. Schon damals haben sie ihn für verrückt erklärt. Mit 17 dann Erstkontakt mit der vibrierenden Underground-Kultur der Hauptstadt. Man kann sich ausmalen, welch inneren Tsunami die Impressionen bei Naoto damals auslösten: „Der Kulturschock war fast beängstigend. Auf einmal fand ich sie, die Vintage-Klamotten, die historischen Schuh-Repliken und die alten Bücher, nach denen ich mich so lange gesehnt hatte. Es war, als stünde ich auf einmal bis zu den Knien im Gold der Schatztruhe, nach der ich jahrelang vergeblich suchte!“ Rührung und Glück kann man in Naotos sorgsam gewählten Worten auch heute noch spüren.

Klar, dass es ihn nach der High School ganz nach Tokio zog. Ohne Plan, weil die jugendliche Leichtfertigkeit manchmal doch Sinn hat. Arbeit in verrückten Klamottenläden, weil sie seine Fantasie beflügelte. Ami-Schlitten als Alltagskarren, weil sie nicht zum Mainstream gehörten. Mit 25 fuhr er einen 1954er Chevy Bel Air. Und es passierte, was passieren musste. Über den blubbernden V8 fiel Naoto in einen nicht enden wollenden Strudel der Inspiration, der sein Schicksal werden sollte: Customs, Hot Rods, Pin Striping, Automobildesign, schließlich Typografie, Möbelbau und Malerei.

Seine Neigung, sein Talent, seine unbändige Wissbegierde wurden zum Keim einer Profession. Weil Bücher über Schriftsetzen, Kunstgeschichte, alte Handwerkskunst und Grafikdesign Naotos Weg pflasterten, wurde er zwangsläufig zum Profi. Seine ersten Arbeiten, vor allem experimentelle Werbegrafiken, hatte er für Freunde aus der Tokioter Subkultur erschaffen. Die konnten ihre Klappe nicht halten und empfahlen Naoto immer weiter. Das war 2004.

100 % sind nicht genug

Vor allem im Dialog über seinen eigenen Anspruch wird klar, warum Empfehlungen reichten, sich weit über die Grenzen der Stadt hinaus einen Namen zu machen: „Ich will meine Kunden zu mindestens 150 % zufriedenstellen und verschwende extrem viel Zeit damit, mich in ihre Gedankenwelt hineinzuversetzen. So wird auch das Endprodukt ganz besonders. Zwar ist die Kunst des Schildermalens seit den 30ern von Drucktechniken und digitalen Prozessen verdrängt worden. Es gibt aber immer noch Menschen, die den Wert handgemachter Arbeit zu schätzen wissen. Sogar in Zeiten, in denen Kosten und Geschwindigkeit die Benchmark sind, erschaffen menschliche Hände Dinge mit großer Hingabe. Ich finde, das hat unschätzbaren Wert.“

Den Weg von Naoto Hinais Kunst aus seinem Museums-gleichen Atelier bis zur Ausstellung beim Wheels & Waves verfolgen wir in CRAFTRAD N°6. Hier kannst du die Ausgabe bestellen.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
August 23, 2018
Autor: 
Sven Wedemeyer
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