Reise
December 27, 2018

Quer durch Indien ‒ Mumbai

Teil 1 ‒ Mumbai

Kennste den? Fährt ein Norddeutscher nach Indien … Aber was soll man machen, wenn das gesamte ehemalige Raver-Umfeld auf Yoga schwört? Also gucke ich mir das Land von Krishna und Shiva für zwei Monate vom Rücken einer Royal Enfield an.

Im Flugzeug der indischen Jet-Linie werden alle drei Teile von Peter Jacksons "Hobbit" gezeigt – genau meine Kappe Spiritualität! Ein guter Einstieg. Aber bis ich die 2.000 Kilometer in den Südosten zur utopischen Stadt "Auroville", in der seit den 60ern von einer internationalen Bewohnerschaft spirituell alternatives Leben erprobt wird, abgeritten habe, können sich viele Erweckungen auf meinen Sozius klemmen. Sri Aurobindo, der geistige Vater von Auroville, sagt (sinngemäß):

"Praxis macht Weise, nicht intellektuelles theoretisieren."

Das Flugzug landet um ein Uhr nachts in Mumbai. Auf der Prepaid-Taxifahrt durch den 20-Millionen-Moloch erlebe ich meine erste Überraschung: Die Stadt schläft sehr wohl. Mein Hotel ist nur ein Name auf booking.com, Silver Elite, von mir aufs Geratewohl ausgesucht, um der Einwanderungsbehörde eine Adresse bieten zu können. Der Taxifahrer muss zweimal andere Fahrer zu Rate ziehen. Beim zweiten Mal wird nachgefragt: Silver Elite oder Silver Moon? Um der einstündigen Tour ein Ende zu machen, bestimme ich: Silver Moon, my dream destination, let's go! Zur Hoteletage muss ich mich ein stockdunkles Treppenhaus hochtasten, auf jeder Etage gehen Zimmer ab, in denen um drei Uhr nachts junge Männer zwischen Tüll und Lycra nähen und schneidern. Die Rezeptionisten schlafen auf dem Boden vor der Theke, lassen sich aber durch mein Bollern wecken und geben mir ein Zimmer mit Außenfenster (längst keine Selbstverständlichkeit in Mumbay). Allerdings stelle ich im Liegen schnell fest: Das Haus schnarcht. Die unzähligen Nähmaschinen lösen ein beständiges Vibrieren aus.

Mumbai teilt sich in Viertel mit Bürgersteig und Straßengrün und Viertel ohne Bürgersteig und Straßengrün. Ich wohne ohne, in Mazgaon knapp nördlich vom Hauptbahnhof. Südlich vom Bahnhof beginnt das Kolonialzeit-Bombay mit seinen gotischen Bögen unter Palmen und den Touristengruppen, die für ein Foto den gesamten Fußgängerfluss aufstauen. In den Straßen um mein Hotel wird sich morgens in der Hocke gewaschen, vor den Pissoirs angestellt, die mobilen Fritteusen angeheizt und der erste Staub des Tages mit Reisigbesen aufgewirbelt. Zum Frühstück nehme ich zwei Chai (im Schnapsglas) hier, einen frittierten Kartoffelklops im Knautschbrötchen an Chilipulver dort und zwei Bananen um die Ecke. 

Die Inder sind freundlich, sie machen aber nicht viel Aufhebens um ihre Freundlichkeit. Gucken und wackeln. Ab acht Uhr kann man keinen freien Tritt mehr setzen, sondern muss sich in ein permanentes Lavieren eingrooven. Mir begegnen keine grimmigen Gesichter, keine Aufdringlichkeiten. Das Dauerhupen wirkt nicht aggressiv, man begreift, was mit dem Begriff "Hupkonzert" gemeint ist. Die Royal Enfield Bullets sind die einzigen Motorräder, die sich das Hupen sparen können. Ihr 500ccm-Einzylinder bollert lautstark genug. Ein Sondermodell heißt "Machismo", das ist keine Übertitelung in der indischen Fahrzeugwelt. Das Gros der Motorräder besteht aus lauwarmen Gurken, an denen das imposanteste die Namen sind: Hero, Unicorn, Passion. Beim Hinterreifen wird auf Profil geachtet, aber der Vorderreifen wird bis auf die Karkasse heruntergezwungen.

Der Showroom von Royal Enfield, in dem ich meine Himalayan abhole, residiert in Bandra, einem Viertel, in dem am Kiosk "Monocle" ausliegt und das "Mahlzeit" "Berlin Street Food" anpreist. Aber von penetranter Hipster-Monokultur kann keine Rede sein. Auf dem Fußweg von der Stadtbahn zum Showroom gerate ich auf eine achtspurige Autobahn – weiß der Himmel, wie das passieren konnte –, folge ihr einen Kilometer mit eingezogenen Schultern und ärgere mich, dass ich als Fußgänger keine Hupe dabei habe. Mein Einstand in den indischen Verkehr …

Die Übergabe der Royal Enfield mit Marketingmann Adarsh Sexona und Storemanager Shadab Sarguru gestaltet sich denkbar unkompliziert: Schlüssel gegen Unterschrift. Aber die Jungfernfahrt wächst sich zur Feuertaufe aus. Es beginnt mit dem angemessenen Dress. Indische Männer tragen keine Shorts. Das hätte man mir sagen sollen, bevor ich zum Motorradfahren nur Hotpants und Knieschoner eingepackt habe. Für die Strecke von Bandra Station zur Masjid Station in Mazgoan braucht der Zug 25 Minuten. Mit der Himalayan irre ich 3 1/2 Stunden durch das endlose Auf und Ab von Luxushochhäusern und Blechbudenquartieren. Ich touchiere zwei Außenspiegel und ignoriere eine Polizeikontrolle. Google Maps auf dem iPhone schickt mich den Eastern Freeway nach Süden, dann wieder nach Norden, dann nach Süden … Endlich fällt der Akku aus und ich kann mich auf die alte Trapper-Navigation besinnen. Ich muss nach Süd, ein Strich Ost, also muss die Sonne über meiner rechten Schulter stehen.

Zurück in Mazgaon schwärmt mir meine indische Chai-Buden-Bekanntschaft von Sigmund Freud und Immanuel Kant vor und zählt fehlerfrei auf Deutsch von 1 bis 23. Jedem seine Exotik. Aber in den ersten drei Tagen Mumbai ist meine Agnostik noch nicht attackiert worden. Morgen früh ("Check out ten o'clock, you understand? Ten o'clock!") werde ich mich dem Land entgegenwerfen. Nächstes Ziel: unklar. Stimmung: bereit.

HIER geht's zum zweiten Teil der Reise!

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
December 27, 2018
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
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