Reise
January 5, 2019

Quer durch Indien – Richtung Goa

Teil 2 – Richtung Goa

Der Fahrtwind bürstet meine Haarstoppeln. Bürstet meine Stoppeln? Ich habe beim Bepacken der Himalayan den Helm in der Gasse vor dem Hotel liegen lassen! Schon winken mich die ersten Polizisten zur Seite. Ich klopfe mir schuldbewusst an den Kopf und fahre weiter. Nach fünf Kilometern klafft eine Lücke in der Mittelplanke des Freeways. Ich lege im schütteren Morgenverkehr einen U-Turn hin und fahre zurück. Der Helm liegt unberührt da.

Mein Spickzettel-Navi dirigiert mich 1a. Eastern Freeway, Mumbay Highway, Express Highway. Auf dem Express Highway wedeln mir Autofahrer aufgeregt zu und deuten auf mein Gefährt. An der nächsten Gebührenstelle kommt die Gewissheit. Motorräder sind auf der Schnellstrecke nicht zugelassen, klärt mich der fünfköpfige Polizeiposten auf, posiert für ein Selfie mit mir und kassiert 200 Rupien (ca. 2,50 Euro) Strafe ein. Der Zettel auf dem Tank ist mein Navi? Ja wohl nicht offiziell!, wackelt ein Polizist missbilligend mit dem Kopf.

Der Polizisten Befehl ist mir Wunsch. Auf dem Expressway wollte ich eh nicht schnurstracks dahindämmern. Aber auch der Nationalstraße 17 wird gerade alle Romantik wegmodernisiert. Sie wird von zwei auf vier bis sechs Spuren erweitert. Man fährt durch ein Kahlschlagszenario, zu dem einem nicht einmal eine Truckerballade einfällt. Parallel dazu kann man sich auf die eineinhalbspurigen Landstraßen verkriechen. Auf den flickgeschusterten Buckelpisten ist die Himalayan der Spring-ins-Feld, während alle anderen Fahrzeuge auf Zehenspitzen durch Löcher und über Querwellen schleichen. Die weißen Rumble Steps alle paar Kleckerkilometer sehe ich zwar, spüren tue ich sie nicht. Die Himalayan kitzelt sanft über sie hinweg. Andere Streckenabschnitte scheinen frisch für mich ausgerollt worden zu sein: Toskanageschlängel mit Supergripp und kleinen Schotter-Intermezzi. Man kann sich Indien so schön wie hässlich gucken, so prosperierend wie desaströs. Ich als Gossenromantiker registriere das Prosperierende und verkläre das Desaströse.

Bei der Verklärung der Verkehrsmentalität tue ich mich allerdings schwer. Der Verkehr führt sich absolut vernunftwidrig auf. Hupe ersetzt Hirn. Aber ist es nicht gerade die Vernunft (im Verbund mit Disziplin und Hygiene), an der der westliche Geist krankt? Sex and Drugs and Rock'n'Roll! Rave On! Und jetzt eben der indische Verkehr. Probieren wir's mit Ergebenheit. Für europäische Motorradfahrer ist das Fahren in Indien weitaus gefährlicher als für Europäer, die in Indien das erste Mal auf ein Motorrad steigen. Als routinierter Fahrer kann man schlecht die Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h akzeptieren. Mit 80 km/h gleicht man aber einem Feuerball auf dem sicheren Weg zum frühzeitigen Verglühen. Nicht im Straßenzustand, sondern im Fahrverhalten steckt das Risiko. Setzt man sich an die Spitze seiner Kolonne und glaubt, jetzt nicht mehr im Gigantenkampf zwischen Bussen und Lastern zerkrümelt werden zu können, gehen die Mätzchen erst richtig los. An der Spitze nehmen einen die entgegenkommenden Überholer aufs Korn. Motorradfahrer werden mit Lichthupe zur Seite gescheucht. Wenn das Quetschen an den aüßersten Fahrbahnrand nicht mehr reicht, bleibt einem nur der beherzte Schlenker auf den sandigen Seitenstreifen.

Aber jedes Mal, wenn der Entnervungskanal überzulaufen droht, winkt einem der Beifahrer aus der G-Klasse-Kopie, die einem gerade mit ihrem Blinker den Spiegel nachjustiert, so arglos freundlich zu, dass man kapiert: Das hier ist nicht das Böse, das ist schlichte Naturgegebenheit.

In Guhagar, einem Flecken am Meer mit Discotempel, stehen die Einheimischen bis zu den Knien im Wasser – wie die italienischen Senoras in der Adria. Als einziger Schwimmer werde ich prompt von einem Jet-Ski torpediert. Auf der Schmalspurstrecke zur Fähre in Jaigad drängt mich ein entgegenkommendes Auto ins Unterholz. Carpe diem: tief durchatmen. Was riecht hier so gut, Thymian, Jasmin? Beach Villas und Blue Ocean Spas lehnen sich in dichte Mangroven-Wälder. Es waren nur vier Stunden Fahrt von Guhagar nach Ratnagiri, aber ich stehe triefend in der Waschlaugenluft und bejammere mein Geschick: kein Geld im Portemonnaie, kein Benzin im Tank, keine Schulter zum Ausheulen. Und ein Chai Wallah ist auch nicht zu finden. Ich übertrinke mich mit Thums Up Cola und fahre Richtung Küste eine Straße runter, die an einem verlassenen Leuchtturm endet. Don't drink and drive! Mit vollem Koffeinschub pfeife ich mich durch die Kurven – und rausche in eine abgebrochene Baumkrone, die quer über der Straße liegt. So schnell geht's vom Hecht der Landstraße zum Rollmops in der Rabatte. Mein linker Fuß nimmt's übel. Beim Fahren zeigt er keine Einschränkungen. Aber er schwillt wie eine Weißwurst an und verweigert das Abrollen.

In der Leuchtturmsackgasse bekomme ich ein Zimmer, in dem man den Ventilator nur anstellen sollte, wenn man keine Angst vor einer massiven Feinstaubvergiftung hat. Der Patron ist dick mit fleckigem Unterhemd und lustig. Der verlassene Strand ist mit Flachmännern von "Doctor Brand", 42-prozentigem Schnaps, übersät – und mit Nagellackfläschchen. Schnüffeln die Inder etwa Nagellack? Hier verbringe ich die erste Nacht ohne Hupen und Mücken, aber mit pochendem Fuß. Goa wird's schon richten.

Komm' mit nach Goa, HIER geht's zum dritten Teil der Reise!

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 5, 2019
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
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