Reise
January 11, 2019

Quer durch Indien – Goa lebt

Teil 3 – Goa lebt

Das ist also dieses Goa, das gelobte Land der Achtsamkeits-Freelancer. Mein erster Stop gilt Vasco da Gama, einer Stadt in Schmuddelbeton, die stolz darauf ist, ihren Strand mit einem Flyover, einer Schnellstraße auf Stelzen, zu überbauen. Man muss ja nicht jeden Idyllisierungs-Trend mitmachen. Ich humple einmal um den Busbahnhof und orientiere mich für den weiteren Weg.

Meine Navigation hat sich so eingespielt: Morgens verschaffe ich mir auf Google-Maps einen Überblick über das Straßenangebot. Aha, zwischen N17 und Küste verläuft eine Schmalspurstraße. Sollte ich auf die N17 stoßen, muss ich also nach rechts abschwenken. Wenn die Sonne nachmittags über der linken statt der rechten Schulter steht, weiß ich, mein innerer Kompass hat mir einen Streich gespielt. Jetzt wird es mühselig. Anhalten, linken Handschuh ausziehen, iPhone aus der linken Oberschenkeltasche pfriemeln, Google-Maps freiwischen, über den Brillenrand aufs Display peilen, Karte mit Gebiet abgleichen, iPhone zurückpfriemeln. Puh, geschafft, endlich kann ich wieder Hans-guck-in-die-Luft spielen.

Die Grundstimmung ändert sich im Vergleich zum vorherigen Bundesland Maharashtra. Der Staub ist wie weggewischt, das Grün wird plastischer, die Schilder sind mit lateinischen Buchstaben beschriftet. Den Abbieger über eine einspurige Brücke zum Agonda Beach nehme ich, weil ich einen Sog verspüre, als löse die schmale Brücke einen Unterdruck aus. Physik oder Intuition, es führt jedenfalls zu meinem besten Schlafplatz.

Agonda zieht sich als endloser Budenstrip unter Palmen am Strand entlang. House tönt von rechts, ein Trommelkurs von links. Der Kellner vom Beach Palace bringt mir einen Bambusstock als Krücke. Manche Althippie-Ehepaare sehen tatsächlich so aus, als hätten sie es geschafft: angekommen in etwas Größerem, das sie ausgesöhnt im Diesseits pendeln lässt. Aber das Gros der Goa-Touristen setzt den blasierten "Die Spiele mögen beginnen"-Blick aller Rundumversorgten auf, da können die Haremshosen noch so schlabbrig sitzen. Mit Bambusstock, abgewinkeltem linken Hinkefuß, staubpaniert und nasetriefend stochere ich den Strip auf der Suche nach einem Guesthouse rauf und runter. Die Hunde bellen meinen Stock an, ein Zimmer mag mir niemand anvertrauen. Kurz vor Dunkelwerden empfehlen mir ein paar junge (polnische) Bilderbuchhippies im vollen inneren Sonnenglanze das "Credo Jungle Resort" in den Bergen hinter Agonda, fünf Minuten Fahrt.

Hier lebt es, das sagenhafte Goa: Über die bordeauxrote Piste am Müllacker vorbei und dann scharf links zum Resort. Bob the Bluesman hat auf einem Areal mitten im Wald ein paar Hütten, einen Platz für sechs Zelte und ein Gemeinschaftszelt mit Wifi und Küche so hingekleckert, dass es auf keinen Fall nach irgendeinem touristischen Kalkül aussieht. Im Buchtauschregal liegt "Benath the Underdog" von Charles Mingus in der deutschen Nautilus-Ausgabe. Die Gäste sind Kommunarden, die sich den Platz mit zwei jungen Hunden und mehreren Königskobras teilen. Der Schotte William gibt mir eine Mullbinde für meinen Fuß und lädt zum Friedensjoint in sein Camouflagezelt. Bob spielt in Kurtu und mit Udo-Lindenberg-Hut mit seinen Kumpeln, als wären die US-amerikanischen 60s-Souler in den Acid-Topf gefallen. Ein holländisches Koch-Ehepaar möchte mit einem achtgängigen Menü etwas von der Gastfreundschaft zurückgeben und das zwei Dutzend Gäste fällt in den Sangria-Topf. Nach dem dritten Sangria bitte ich eine der Kobras, sich steif zu machen, damit ich sie als Krücke verwenden kann. Den nächsten Tag verbringe ich mit bandagiertem Fuß und Charles Mingus in der Hängematte. Es tut gut, einfach nur ein Blatt im lauschigen Winde zu sein. So kann es weitergehen. Und es geht so weiter.

20 Autominuten südlich von Kannur in Kerala, dem Bundesland unterhalb Goas, hat sich die muslimische Mittelklasse im Kokoshain am Meer ein Villenrefugium geschaffen. Hier haben sich Corinna und Dhruva, ein junges deutsch-indisches Paar, das ich über gemeinsame Berliner Freunde kenne, ein Grundstück direkt am Meer gekauft und bauen den alten Bungalow gerade zu einem zweigeschossigen Guesthouse aus: Aru's Beach House. (Ab Saison 2019/20 kann man sich als Paar oder kleine Gruppe über Airbnb einmieten, wenn man einen Strand ohne Touristen und eine Straße ohne Hupen sucht.) Die Straße hinter ihrem Haus verläuft sich hundert Meter weiter im Sand. Ein paar Fischer rufen, Kinder von der benachbarten Islam-Schule albern vorbei, ansonsten: Ruhe. Ich kraxle die Steilküste am Ende der Straße hinauf und schlafe in der satten Hitze unter jeder zweiten Palme ein. Vor den ausladenden Häusern sitzen Frauen und junge Mädchen. Die Männer schuften im fernen Dubai fürs Wohlleben in Indien. Als ungelernter Arbeiter in Dubai kann man sich ein Mittelstandsleben in Indien leisten.

Schluss mit den Hippie-Resorts, Jan muss weiter! HIER gibt es seinen nächsten Bericht.

Dhruva fährt mit seiner Mutter und mir nach Kannur, um für die Silvesternacht einzukaufen: Alkohol. Von den vier lizensierten Alkoholverkaufsstellen in Kannur steuern wir die Premiumvariante an, in der man die Regale mit den Flaschen abwandern kann und nicht durch eine Luke seinen Bestellzettel reinreichen muss. In dem gefangenen Raum im ersten Stock schwitzen die jungen Männer ihre Vorfreude aus. Kein Wunder, dass die Frauen lieber im Wagen warten. Die Kassenschlange windet sich die Regale entlang. Einer stellt sich an, die Freunde beladen ihn mit den Flaschen. Wir entscheiden uns bieder für Kingfisher-Dosenbier, retten unseren Ruf aber durch eine Flasche Rum von Bootz.

Zurück im Beach House testen wir Rum mit zerstampfter Wassermelone und Sprudel, Rum mit Mangosirup aus der Dose, Rum mit Limette und schwarzem Palmenzucker. Bootz mit Limette und Zucker, das ist es! Meine erste indische Erkenntnis für das Jahr 2019 …

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 11, 2019
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
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