Reise
January 17, 2019

Quer durch Indien – Über die Westghats

Teil 4 – Über die Westghats

Man muss schon ein sehr indienerweckter und überakklimatisierter Tourist sein, um in Indien eine Kurta, das traditionelle Kittelhemd, zu tragen. Inder sieht man damit so oft wie Norddeutsche im Fischerhemd und Bayern in Sepplhosen. Genauso eine tote Tradition sind Chappals, die handgefertigten Sandalen aus Rindsleder. Sie kommen einmal im Leben zum Einsatz: zur Hochzeitsfeier. Sonst heißt es: "What time is it? It's Flip-Flop time!" Aber, erklärt mir der Verkäufer bei Esquire in Kannur, die Jugend entdeckt die Chappals neuerdings als trendy – so wie US-amerikanischen Blues und die Royal Enfield Bullet. Die indische Mittelschicht baut sich gerade erst langsam auf, entwickelt aber schon die gleichen Retro-Distinktionen.

Von Kannur fahre ich noch einen halben Tag, den ersten Tag von 2019, gen Süden die Küste entlang bis zur Royal-Enfield-Niederlassung in Kozhikode. Dann schlage ich mich Richtung Osten in die Westghats, den Gebirgszug, der sich durch fünf Bundesländer von Maharashtra bis Tamil Nadu erstreckt und mich bis auf 2500 Meter hochkreiseln lässt.

Die Westghats sind aus Motorradfahrersicht so ein gesegnetes Revier wie die rumänische Transfagaras – und so dicht mit störrischen Vierrädern bepackt. Geschiebe im ersten Gang. Aber herrlich. Auf der Toskanalatte von flop zu top rangiert die Strecke bei doppeltop. Von der Royal-Enfield-Filiale scheinen die Imagekampagnenfahrer mit geölten Bärten, Sonnenbrillen und "Made like a gun since 1901"-Jethelmen auszuschwärmen. Wer das sportliche Fahren ernst nimmt, signalisiert das durch das Tragen einer Daunenjacke – der Fahrtwind wird frisch hier oben. Am Morgen ist der Sattel der Himalayan mit Raureif überzogen – bei Tagestemperaturen bis 35 Grad.

Auf halber Strecke überrenne ich fast einen Losverkäufer, der hartnäckig die Fahrbahn behauptet. Nach dem Anhalten stelle ich fest, es ist der Grenzbeamte zu Tamil Nadu, der mir ein Ticket für die Passüberquerung ausstellen will. Tamil Nadu ist das Schwabenländle Indiens. Die Markierungen so weiß, der Asphalt so schwarz, als wären die Straßen für ein Video zu "Ebony and Ivory" angelegt worden. Aua, jetzt hat mich der Ohrwurm von hinten gepackt. Am Rand salutieren Müllcontainer, Propagandatafeln werben für "Plastic Free Eco Tourism" und die Verkehrsdichte entzerrt sich so, dass Platz zum Atmen und Kurven bleibt. Aber auch hier gilt, wer angesichts des optimalen Belags denkt, Bahn frei für die Ideallinie, wird spätestens hinter der dritten Kurve von einer Kuh oder zumindest einem frischen Kuhfladen aufgeschreckt. Man muss zur Ideallinie immer ein ganz großes X als Pufferzone addieren. Am besten, man folgt einem Einheimischen, der für einen den Ganesha, den Rammbock-Gott, macht.

Kurz vor Rasipuram lerne ich, warum die Motorradfahrer die Spiegel abbauen. So passt das Motorrad leichter unter den geschlossenen Bahnschranken hindurch. In Rasipuram quetsche ich mich auf eine Holzbank und bestaune den Chai-Wallah: Arbeit als Magie. In einem einzigen eleganten Fluss tröpfelt er sich einen Probetropfen aus der Kelle in die hohle Hand, beklopft mit der Blechkelle in rituellem Rhythmus den Topfrand, schießt den Tee zwischen zwei Bechern hin und her und reicht ihn nach hinten zu den Gästen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Konzentration und Gelassenheit in Vollendung.

Das letzte Drittel zur Ostküste bade ich in der Langeweile einer vierspurigen Schnellstraße mit geringem Verkehr. Für Motorradfahrer ist die Benutzung gebührenfrei. Alle 50 Kilometer liegen riesige neue "College for Engineering and Technology"-Komplexe an der Straße. Ich bewege mich im 300-Kilometer-Radius um Bengaluru, dem IT-Zentrum des Landes. Aber jetzt will ich endlich an die Wahrheiten ran, die hinter den exakten Wissenschaften liegen. Nächster Stop und Höhepunkt der Reise: die utopische spirituelle Stadt Auroville in der Nähe von Puducherry.

Puducherry ist (natürlich nach Mumbai) die vielseitigste Stadt meiner Reise (und Gokarna die gemütlichste). Die Bezirkshauptstadt mit ihren 650.000 Einwohnern macht Spaß. Der typische Markttrubel wird von einem großstädtischen Selbstbewusstsein aufgepeppt, das irgendwo in der Luft liegt oder in den Art-Deco-Fantasyfassaden, mit denen die Geschäfte sich aufplustern. Man stromert mondäner zwischen den "Kofi Shops" (Kofi steht für Kaffee), Sari-Tempeln und Elektrogerätereparaturwerkstätten umher. Und Puducherry hält einen Notausgang bereit für stressgeplagte Westler. Orientiert man sich gen Ozean, gelangt man in das französische Viertel, in dem sich alte Kolonialzeiten-Beschaulichkeit, Tante-Emma-Retrochic und ausladendes Stadtgrün zu einem Baedeker-Traum fügen. In diesem Teil, in der Nähe der Ozeanpromenade, haben sich diverse Außenstellen von Auroville angesiedelt, alle benannt nach dem Gründungsvater Sri Aurobindo: Buchladen, Ashram, Gedenkgesellschaft. Hier muss ich das erste Mal in Indien Neppern und Schleppern ausweichen.

Mira Alfassa, die Weggefährtin Sri Aurobindos, gründete Auroville Ende der 60er-Jahre als internationale und universelle Siedlung zehn Kilometer nördlich von Puducherry. Auroville erstreckt sich über 25 Quadratkilometer, gehört niemandem (das heißt einer Stiftung), seine etwa 2500 Bewohner leben verstreut auf Farmen, eine urbane Struktur gibt es nicht, als Sammlungspunkte fungieren das sakrale Matrimandir und das sehr weltliche Besucherzentrum, das mich an eine Cafeteria im Botanischen Garten erinnert. Angeboten werden Klangbäder, Permakultur mit Krishna oder holistische Reflexzonenmassage. Auroville-Aspiranten müssen ein halbes oder ein ganzes Jahr ein Volontariat abackern, unbezahlt und auf eigene Unterhaltskosten. Und was wartet nach diesem Nadelör? Kommune, Sekte, spirituelles Resort für erschöpfte Materialismusgewinner? Die Erkenntnis, was es bedeutet, eine Existenzform im Übergangsstadium zu sein? Aus der Ferne (übers Internet und über Sri Aurobindos Fibel "Das Rätsel dieser Welt") blieb ich ratlos, und auch aus der Nähe, beim Wandern zum Matrimandir entlang Tafeln mit Kalendersprüchen wie "Your heart is the home of a luminous goodness: let it govern your whole being" werde ich nicht schlauer. Ich fühle mich wie Rob in John Christophers Buch "Die Wächter", der in das paradiesische County gerät und lernen muss, dass dem Frieden nicht zu trauen ist. Ja, ist das Leben denn ein pädagogischer Jugendroman? Vom Chai-Wallah in Rasipuram fühlte ich mich jedenfalls weitaus spiritueller angeweht.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 17, 2019
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
Newsletter abonnieren und immer auf dem neusten Stand sein:
Willkommen in der CRAFTRAD Familie!
Oops! Da ist etwas schief gelaufen. Prüf bitte noch einmal deine Eingaben.