Reise
January 23, 2019

Quer durch Indien ‒ Traumwandeln rechts und links vom Sharivati

Traumwandeln rechts und links vom Sharivati

Ich falle aus der Zeit, zumindest einen Tag lang. Vorher, vor meinem Traumwandeln entlang des Sharivati-Flusses, überfällt mich aber rücklings meine Westwirklichkeit. Auf halber Strecke von Küste zu Küste, von Puducherry nach Honnavar, übernachte ich in Bangaluru. Im inneren Kessel von Bangaluru wird man als Westler daran erinnert, welcher Welt man gerade den Rücken gekehrt hatte: der servilen Heuchelei des "Der Kunde ist König"-Kapitalismus, der die Menschheit in Verkäufer und Kunden aufteilt und beiden Seiten das Karma versaut. Der Milkshake-Laden verspricht als Teil eines "Moustache Movements" Hipster-Hilfestellung und der "Juice Joint" gibt sich mit "We care"-Claim als bester Freund aus. Von solch dummdreister Manipulation wird man in den Guckkastenläden, die in den anderen indischen Städten (selbst Mumbai) vorherrschen, nicht angeschleimt. Dort gilt nicht "Der Kunde ist König", sondern "Das Produkt ist König". Gehandelt wird von Nachbar zu Nachbar und aufgehübscht wird gar nichts – erst recht nicht mit Vintage-Stories à la "Das Muster dieses Brillengestells leitet sich von dem Taschentuch ab, mit dem der Großvater des Designers jeden Morgen Gandhi die Brillengläser putzte", diesem letzten Verzweiflungsrezept der Überflussgesellschaft. Aber um als Inder endlich mal mit Sonnenbrille und Stretchjeans auftrumpfen zu können, ist Bangaluru natürlich die richtige Kulisse. Mein Goa-Bekannter, der indische Hochzeitsfotograf Reggie, kommentiert trocken:

"Wir kopieren die Jugendkulturen aus dem Westen, ihr kopiert die Ahnenkulturen aus dem Osten."

Einen Tag später ist das alles egal. Nach einem Vormittag Schlaglochpogo erreiche ich die Jog Falls, Wasserfälle in einem Canyon, die man von einer Plattform mit verwaistem Luxushotel aus überblickt. Auch egal. Aber von hier aus beginnt die Abfahrt zum Sharivati, der bei Honnavar ins Meer mündet. Heute Craftrad-Geheimtip, morgen Top-Gear-Lieblingsstrecke. 50 Kilometer kreiselt man eine eineinhalbspurige Waldstraße hinab. Die ersten 20 Kilometer sind frisch geteert wie für die Moto GP, aber rechts und links scheint sofort die Urzeit zu übernehmen. Wenn die Affen nicht von der Straße weichen, dann ist man aus der Zeit gefallen. Das Fahren fühlt sich an, als stände man still und die Welt schlängele sich behutsam um einen herum. Der untere Teil der Straße steckt noch in der Renovierung, schwer porös und in den Kurven mit Rollsplit kontaminiert. Aber die Arbeiten laufen. In der Ebene hat man den Sharivati-Fluss links liegen. Eine Hängebrücke aus Metall führt hinüber, zwei Meter breit und nur für Fußgänger und Motorräder im Kriechgang zugelassen. Auf der anderen Seite stößt man in die Privatgemächer der Tropen vor. Sandwege, Hütten, hängende Lianen, schlafende Tiere. Hält man sich zu scharf rechts, endet die Fahrt abrupt. Von einer zwanzig Meter langen und eineinhalb Meter breiten Steinplattenbrücke gibt es kein Herunterkommen. Die letzte Steinplatte ragt ins Nichts, einen halben Meter tiefer sitzt die Brücke auf einem steilen Sandhügel auf. Für Fußgänger zu machen, mit dem Motorrad aussichtslos. Zwei Jugendliche helfen mir beim Rückwärtslavieren, während der eine von seiner Arbeit auf einem Aida-Kreuzfahrer erzählt: "Guten Morgen, Herrschaften!" (auf Deutsch). Den Rest des Tages schlendere ich auf der Himalayan unter dem Tropendach entlang, immer mal zwinkert der Sharivati durchs Grün. Weil ich kein Guesthouse finde, verkrümele ich mich zum Wildcampen auf einen Trampelpfad – und lande auf einem Volleyballplatz, an dessen Rand ich in einer natürlichen Kakteen-Apsis mein Zelt aufbaue. Am nächsten Morgen sehe ich, dass eine Kuh die Himalayan umgestoßen hat. Wo das Motorrad stand, liegt ein frischer Kuhfladen. So erhält man in Indien wohl seinen Segen.

Zum Abschluss der Reise mein Lehrer-Lämpel-Sermon zu den drei Knackpunkten in der indischen Außenwahrnehmung:

Verkehr

Wer den indischen Verkehr für ein Zeugnis von Unreife und Ordnungsmangel hält, der lasse sich diese Überlegung auf der Zunge zergehen: Alle Wege sind für alle da, gestoppt wird nicht, Ampeln sind überflüssig, Regeln nur rudimentär vorhanden und kaum beachtet – weil man sich situationsbedingt spontan einigen kann. Klingt nach dem Fußgängerverkehr in Deutschland. Und trifft auf den Autoverkehr in Indien zu. Was die Deutschen sich bei 5 km/h zutrauen, meistern die Inder bei 40 km/h. Inder können sich also achtmal schneller durchs vermeintliche Chaos bewegen. Was das wohl über die jeweilige Volksseele aussagt? Spiritualität, ich hör' dir trapsen.

Plastikmüll

Auch die ewige Leier wegen des Plastikmülls kann man sich getrost verkneifen. Mein Mumbai'er Schopenhauer-Freund entwirft beim morgendlichen Chai dieses Szenario: Müll ist genauso eine Definitionsfrage wie Unkraut. Spätere Generationen werden dem Erfinder des Plastik als einem zweiten Heiland huldigen. Gerade als ein lückenloser Plastikpanzer die Erde ummantelt wie das Drachenblut Siegfried (ohne Lindenblatt) (die Nibelungensage kennt mein Schopenhauer-Freund natürlich auch), greifen Außerirdische an. Der Plastikmantel reflektiert die Strahlen ihrer Sternenkanonen und richtet sie gegen ihre eigenen UFOs. Ein sauberes letales Eigentor! Plastikmüll, der Retter der Welt.

Spiritualität

Geht ein Blinder in einen Stummfilm und beschwert sich hinterher, dass es keine Vorstellung gegeben hätte. So habe ich mich wohl in Indien angestellt. Nach zwei Monaten indischen Sternenstaubes zwischen meinen Zähnen hätte ich erwartet, ich kann mir meine Reinkarnation im Luxus-Sektor aussuchen: Gott in Frankreich, Esel in Andalusien, Kuh in Indien. Aber Ehrfurcht und Einsicht sattelten nicht auf. Immer noch geben mir die religiösen Farbtupfer auf der Stirn vieler Männer ausschließlich einen ästhetischen Wink: Cool, so lässt sich die Stirnglatze kompensieren! Also wird es auch nach dieser Reise durch den Subkontinent des Lichtes im nächsten Leben nur zur Nacktschnecke im Vorgarten meiner Eltern reichen.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 23, 2019
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
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