Reise
March 4, 2018

Reingeschaut – Sydney to London

Mit Dorothy nach Hause

Nathan Millward arbeitet als Kellner in einem Café in Sydney und genießt sein Leben. Als Engländer mit Reise- und Arbeitsvisum lässt es sich hier gut aushalten. Ein paar Tage arbeiten, ein paar Tage Faulenzen und nebenbei die vielen Strände rund um die Stadt abklappern – genau das richtige für einen Mittzwanziger. Alles ist perfekt, bis sein Visum abläuft. Er bekommt keine Verlängerung und wird stattdessen dazu aufgefordert, das Land innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Ohne finanzielle Reserven muss er irgendwie dein Heimweg nach England hinkriegen, doch das liegt nahezu auf der anderen Seite des Planeten, fast 40.000 km entfernt von seinem jetzigen Standort.

Also packt er seine wichtigsten Sachen in einen Metallkoffer, schnallt ihn auf sein geliebtes Postmoped Dorothy, eine kleine Honda CT110 mit gerade einmal 40 Km/h Höchstgeschwindigkeit, und entscheidet sich für die Reise seines Lebens. Er hat weder Ahnung von der Mechanik, noch davon, wie weit er mit seinen begrenzten Mitteln kommen wird. Als er 2009 vom Opernhaus in Sydney aufbricht, beginnt das große Abenteuer und eine Reise, die ihn weit mehr als nur durch verschiedene Länder führt.

 

In einer Stadt, die nicht nur von einer extrem begrenzten Wohnraumsituation, sondern auch horrenden Mietpreisen geprägt ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Bleibe zu einer wahren Odyssee. Nach gut zwei Jahren permanenter Ortswechsel, finden sie im Februar 2017 das richtige Objekt. Das Container Collectiv am Ostbahnhof hält einen alten Schiffscontainer bereit, der noch auf neue Mieter wartet. Hier, inmitten von Künstler-Ateliers Bars und Cafés, scheint endlich die richtige Umgebung für das kreative Schaffen am geliebten Zweirad gefunden. Der Platz in der neuen Werkstatt ist zwar extrem begrenzt und auch der komplette Neuaufbau einer Maschine für einen Kunden fordert ihnen einiges ab, dennoch schaffen es die Jungs ihren ersten Auftrag zufriedenstellend in die Tat umzusetzen.

Custom Passion

Kaum hat die hübsche SR 500 als Scrambler ihren Container verlassen, folgen auch schon die nächsten Projekte. Aktuell ist es eine Yamaha XS 1100, die sie zu einem leistungsstarken und dennoch  komfortablen Cruiser umgebaut haben – englisches Understatement á la Jaguar eben. Da darf eine Lackierung in British Racing Green natürlich nicht fehlen, ebenso Lenkerbänder aus Leder und der Tank einer amerikanischen XS 1100, der für eine schlankere Linie sorgt.

Im dritten Jahr ihres Bestehens hat sich das Kollektiv an die Arbeit mit und für Kunden gewöhnt:

"Es ist interessant und auf eine andere Weise fordernd mit Ideen und der Inspiration des Kunden zu arbeiten und jedem Projekt zudem die eigene Handschrift zu verpassen."

Dabei ist für sie jeder Umbau ein echte Herzensangelegenheit. Mit ihrer Detailversessenheit versuchen sie Unikate zu schaffen, die ihren Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das mag zwar kitschig klingen, aber wer Wochen und Monate mit einer Maschine auf wenigen Quadratmetern in einem Container verbringt, der entwickelt einfach eine innige Bindung. So verwundert es kaum, dass ihnen so manch ein Abschied nicht ganz leicht fällt ‒ auch wenn das breite Grinsen zufriedener Auftraggeber für alle Mühen entlohnt.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
March 4, 2018
Autor: 
Moritz Weinstock
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