Kunst & Kultur
January 24, 2018

Rutschbahn in den Himmel

Die Berliner Rennstrecke AVUS

Mythos mit Mängeln 

Als erste reine Autostraße Europas ist die AVUS der Prototyp einer auf Mobilität ausgerichteten Infrastruktur. Zeitweilig galt sie als schnellste Rennstrecke der Welt. Wenn man den Mythos ausspart, dann war die AVUS aber auch immer die Strecke der blutigen Katastrophen, der Baumängel und lebensgefährlichen Planungs- und Ausführungsfehler. Sie war der Kurs für im Grunde sterbenslangweilige Rennen, in denen fast immer der mit dem stärksten Motor gewann, weil die AVUS in ihrem Zweitleben eine Autobahn war: Mit Vollgas die eine Gerade runter, dann die enge Wendeschleife, wieder Fuß aufs Bodenblech, wieder Kurve und von vorn. 

Die Geschichte der Automobil-, Verkehrs- und Übungsstraße beginnt bereits mit der Planung einer kreuzungsfreien und nur dem Autoverkehr vorbehaltenen Trasse 1909, bis der Erste Weltkrieg den Bau zum Erliegen bringt. Der Großindustrielle Hugo Stinnes bringt sich als Privatinvestor 1920 ein. Innerhalb eines Jahres steht nicht nur die erste „Nur-Autostraße“ der Welt mit der für damalige Verhältnisse immens hohen Benutzungsgebühr von einmalig 10 Reichsmark, das Vierteljahr für 1.000, sondern auch die Erfindung der Autobahnmaut. 8,3 Kilometer im grünen Südwesten Berlins, schnurgerade und kreuzungsfrei, mit der Nordkurve in Charlottenburg und der Südkehre in Nikolassee kommt das Rundkurs-Luxusobjekt auf insgesamt 19,6 Kilometer. Die mangelnde Erfahrung im Fahrbahnaufbau tritt bereits bei dem Eröffnungsrennen am 24. September 1921 zutage. Der nicht ganz trockene Teer ist der Eile geschuldet, der unverdichtete nachsackende Boden, der nun für heftige Bodenwellen sorgt, dem kriegsbedingten Flicken. Doch das kümmert weder die 300.000 Zuschauer, die das Spektakel dicht an dicht verfolgen, noch die weit über hundert Auto-Fabrikate, die an den Start gehen und die heute kaum einer mehr kennt. Fünf Jahre später findet der 1. Große Preis von Deutschland auf der AVUS statt. Das Rennen ist die Sternstunde eines Mannes, der später den Mythos der Silberpfeile mitbegründen soll und sich anfangs nur zu gerne für die NS-Propaganda einspannen lässt. Rudolf „Caratsch“ Caracciola ist Teil des Mercedes-Rennstalls, der von dem ehemaligen k.u.k.-Offizier Alfred Neubauer erfolgreich mit militärischem Drill geführt wird. Kein Werksmechaniker-Team ist damals schneller, doch dieser Umstand bringt Caracciola herzlich wenig. Verlief der Start schon nicht ohne Probleme, bricht ihm die streikende Technik fast das Genick. Nach der Devise „wenn es nicht passt, nimm einen Hammer – wenn es dann immer noch nicht passt ...“, greift Caracciola zu dem größeren Hammer, nachdem er in der Boxengasse von Hand alle Zündkerzen des Achtzylinder-Mercedes auswechselt, und fährt einfach noch schneller. Mit 154,8 km/h stellt er auf der AVUS einen neuen Rundenrekord auf und rast als Erster durchs Ziel.

Wie sich die AVUS dank Hauptstadtbonus nach dem Willen der Nazis gegen den viel besseren Nürburgring durchsetzt und wie es durch die wechselnden politischen Systeme weitergeht, steht in Craftrad N°7, hier kannst du die Ausgabe bestellen.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
January 24, 2018
Autor: 
Oliver Schlegel
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