Reise
April 7, 2018

Durchs wilde Franschoek

Ride-Out mit der Woodstock Moto Co. in Südafrika

Ride-out in Südafrika

Sonntags sprengt alles zentrifugal aus Kapstadt. Die Bewohner fahren an die Strände, in die Shoppingmalls am Stadtrand – oder sie treffen sich an der Engen-Tankstelle bei der Wineland-1-Ausfahrt an der Autobahn N1. Die Engen-Tankstelle ist der beliebteste Sammelpunkt für Motorradfahrer, um ins Franschoek-Revier aufzubrechen. Über den asphaltierten Achterbahnparcours des Gebirgszugs düsen die Racer in ihrem abgehackten Vollgas-Vollbremsung-Rhythmus, während die Offroad-Fahrer zusehen, dass sie ins Schotterpisten-Labyrinth abbiegen.

Devin Paisley und Henk Kotzee von der Community-Garage Woodstock Moto Co. haben eine 300-Kilometer-Ausfahrt über den Franschoek- und den Van-der-Stel-Pass vorbereitet: 200 Kilometer Offroad, 100 Kilometer Straße. Henk ist Profi, für die Fernsehserie "Look what you're missing" hat er mehreren Adventure-Motorradtouren durch Südafrika vorgestanden. 180.000 Kilometer hat er im Sattel seiner BMW 1200 GS abgeritten, nur noch zweimal Gas geben bis zur goldenen Hochzeit. Um neun Uhr treffen wir uns an der Tankstelle: 37 Männer, 5 Frauen (3 Selbstfahrerinnen, 2 Sozia), kein Schwarzer. GS-Modelle überwiegen. Den Absurditäts-Vogel schießt eine kleine Suzuki Virago ab: mit Sissybar und abgefahrenen Reifen ins Gelände. Chapeau! Custom-Motorräder? Es wird höchstens mal ein größerer Tank aufgesetzt. Heritage-Hipster? Ein Fahrer hat eine Deus-Kappe über seine Surfermähne geklemmt, einer trägt Red-Wing-Stiefel. Die anderen wissen die gute alte Protektoren-Textil-Kombi zu schätzen. In der Garage der Woodstock Moto Co. treffen sich die mit dem Style, beim Ride-Out die mit den Skills. Unser Anführer Henk ist einer der Gemütsbären, die sich bedächtig durch den Bart streichen. Aber mit seiner BMW 1200 GS hantiert er, als hätte er einen Spatz in der Hand. Beim Wheelie aus der Kurve bringt er den Boxer-Koloss zum Lachen. Bei Sandfurchen mit versteckten Wackersteinen sucht Henk sich die Arschbacke aus, auf der er den Kurs abreitet.

Den Großteil der Strecke peitschen wir über fest planierten Schotter mit 80, 90 Sachen. Devin nutzt den Ride-Out, um eine BMW G 310 GS zu testen. Er schwirrt zwischen der Nachhut und Henk an der Spitze hin und her und wird mit jeder Kurve übermütiger. Henk mit dem Spatz in der Hand, Devin mit dem Kolibri zwischen den Beinen. In einer Sandkuhle legt sich mein Vordermann hin. Gleich daneben sitzt ein schwarzer Landarbeiter im Schatten. Er dreht nicht einmal seinen Kopf in unsere Richtung. Getrennte Welten. Vor dem nächsten Abschnitt rät uns Henk: "Smooth and easy!" Wie immer heißt das bei Motorradausfahrten: Drauf, als gäb's kein Morgen. Doch bei diesem Abschnitt werden wir schnell kleinlaut. Tiefe Furchen, Sandpfützen in Steilkurven und versteckte Felsbrocken lassen uns tatsächlich an einem Morgen zweifeln. Umso mehr Futter hat man zum heroischen Fachsimpeln bei der Mittagspause im Hickory Shack, einer Blockhütte im Nirgendwo für Familienausflügler mit Fleischhunger. Wir sitzen stilecht beim Nebengebäude, einem umfunktionierten Überseecontainer mit Bauholzveranda, und lassen den Blick vom Grillfleisch über die Skyline unserer in Reih und Glied geparkten Maschinen wandern. Noch Fragen, Sundance Kid? Immer bereit, Butch.

Wer die Strecken austüftelt, frage ich Henk. Ach, grummelt er, sie alle hier würden die Schotterpisten rund um Kapstadt in- und auswendig kennen, da müsse niemand tüfteln. Um sich noch mal als Pionier zu fühlen, müssten sie schon an die Grenze zu Botswana fahren. Von solchen Luxusproblemen kann man als norddeutsches "Durchfahrt verboten (landwirtschaftliche Fahrzeuge frei)"-Reglementierungsopfer nur träumen.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
April 7, 2018
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
Devin Pasley
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