Motorrad
March 11, 2015

Runterschalten auf dem Motorrad

Ent- statt Beschleunigen auf dem Motorrad? Das hätte ich in meiner Jugend als Paradox verlacht. Der Fotoband "Junge, das ist Tempo - Rennmaschinen und ihre Meisterfahrer" aus den 50ern war schließlich mein Erst- (und viele Jahrzehnte einziger) Kontakt mit den tollkühnen Kisten. Bis heute gilt unter Motorradverächtern als Gewissheit: Biker, das sind diese Brüllaffen auf ihren Rennsemmeln, die dem schwedischen Ghost Rider nacheifern, der mit 300 Stundenkilometern über die Autobahn jagt.   Aber im Schatten dieser Speedfreaks mit Testosteron-Überdosis hat sich eine Motorradkultur etabliert, deren Sensationen sich subtiler entfalten: Motorradfahren als Yoga auf der Landstraße.  

Als spätberufener Andropausen-Biker bringe ich genug graue Reife mit, um genau für dieses Kurven-Yoga empfänglich zu sein. Das Kurvenzirkeln auf Landstraßen ist der Biker-Weisheit letzter Schluss. Man heizt nicht (wie der Ghost Rider), man cruist nicht (wie Dennis Hopper und Peter Fonda in Easy Rider), man surft. Kurven-Yoga verlangt hohe Konzentration, beansprucht den ganzen Körper, zwingt zur lebenswichtigen Fixierung auf das Hier und Jetzt in jeder Sekunde – und, peng, baumelt die Seele jenseits von Zeit und Raum. Ruhe im Auge des Sturms, Meditation auf der Landstraße – spätestens nach einer Stunde Kurvensurfen stellt sich dieser Yoga-Effekt ein. Woran ich es merke? Ich erwische mich dabei, wie ich laut heraussinge (was vom Motorlärm übertönt wird, schade für mich, eine Gnade für alle anderen): "Puedes quererme? Nunca! Nunca!" Keine Ahnung, warum mir gerade diese Zeile in den Sinn kommt, aber es hat sich als mein Motorrad-Mantra eingeschliffen.  

Auf einer einwöchigen Tour von Berlin nach Biarritz wurde ich fast heiser vor lauter seelenbaumelndem Gesinge. Im Quartett (seit den Bremer Stadtmusikanten und Dumas' Musketieren eine sichere Größe, um die Welt zu durchstöbern) kraxelten wir bei 30 Grad über 5 Pässe in den Alpen und Pyrenäen, unsere 4 Motorräder waren gemeinsam 128 Jahre alt, wir saßen täglich 10 bis 12 Stunden im Sattel, die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 50 km/h. Der Vergaser zickt, die Kurven haarnadeln, die Zecken beißen, die Dorf-Gendarmen feixen – und weiter geht's. Grundvoraussetzung (neben der Reife) sind alte Motorräder (damit man ihnen die Sporen geben kann, ohne gleich einen Elektronikbaustein zu beschädigen) und neueste Navigationstechnik (damit man durch die abgelegensten Winkelgassen geleitet wird). Der existenzirritierendste Entschleunigungsmoment kriecht einem unter den verschwitzten Jethelm, wenn man abends in ein Feldsteindorf mit Plätscherbrunnen und Boulespielern wie bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen einreitet und sich fragt: Wer sind die Außerirdischen – sie oder wir? 

Man hat mit Urgewalten gerungen – Gebirgen wie steinernen Tsunamis, Waldschluchten wie Hades-Schlündern, dem eigenen Motorrad wie einer störrischen Rosinante – und stößt in einen völlig ungerührten Zeitlupenfrieden. So muss sich der Hobbit Frodo gefühlt haben, als er nach seinen Mittelerde-Abenteuern ins Auenland zurückkehrte. Wenn wir dann vor unserem Kronenbourg-Bier saßen (ich im Irakkriegs-Overall, die anderen in Pferdelederjacken), sinnierten wir ins zirpende Dämmerlicht: "Autofahrer verschanzen sich, Motorradfahrer öffnen sich." "Der Motorradfahrer dringt ins Herz der Welt – und in sein eigenes." "Hinter jeder Kurve eine neue Perspektive – aufs Leben." Die anderen machen Yoga – und blicken auf eine Gummimatte. Wir machen Yoga – und blicken in die Welt." "Wenn die anderen Motorradfahrer sagen, wie gerne sie 250 km/h fahren, sagen wir, Wilhelm Meister ist nur 5 km/h geritten – wir sind mit unseren 50 km/h also 40 mal näher dran an der optimalen Entwicklungsroman-Geschwindigkeit." "Prost, ihr letzten Cowboys des Ölzeitalters, und gute Nacht.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
March 11, 2015
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
Tim Adler
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