Reise
March 15, 2018

Schotter-Eldorado Südafrika

Von Kapstadt nach Port Elizabeth über die Route 62 (und links und rechts davon)

Südafrika, die drittgrößte europäische Exklave nach den USA und Australien, ist das perfekte Land für Rentner mit Harley. Die Kurven schlängeln sich moderat, der Asphalt haftet premium und auf den Campingplätzen die Küste entlang bekommt man Pensionärs-Rabatt. Man hängt die Tasche mit den Golfschlägern über die Sissybar und tingelt von Golf-Ressort zu Golf-Ressort.

Für GS-Fahrer hat das Land andere Attraktionen parat. Südafrika lässt sich komplett auf Schotterpisten durchqueren (solange die Wadenmuskeln beim ständigen Stehen mitmachen). Ich bin für sechs Tage von Kapstadt nach Port Elizabeth aufgebrochen und habe mich rechts und links der Route 62 auf die Pisten und über die Pässe geschlagen.

Eine Asphaltstraße legt sich über die Landschaft, drängt sie zu den Seiten ab. Eine Schotterpiste ist Teil der Landschaft. So lange ich noch auf der Teerstraße fuhr, hielt ich mich für einen Ignoranten: Die Natur liegt da so rum, verwirft sich, blinzelt aus mulchigen Teichen – und sagt mir nichts. Auch die energisch winkenden Flaggen-Girls an den zahlreichen Baustellen verhalfen mir nicht zu mehr innerem Pfeffer. Aber sobald ich bei Calitzdorf auf die Piste zum Swartberg-Pass abbog, stellte ich mich in den Fußrasten auf und meine Restfrisur unterm Helm auch: Zu Staub sollst du werden. Nichts klingt verlockender für Offroad-Fahrer. Jeder trägt sein romantisches Ur-Tableau mit sich herum. Für die einen ist es Liselotte Pulver in Das Wirtshaus im Spessart (einmal von Wolfgang Neuss entführt werden!), für die anderen Karl Mays Kara Ben Nemsi im Kaukasus. Mir hat James Cameron mein Tableau ins Ohr gesetzt. Sarah Connor schert von der Tankstelle aus und nimmt Kurs in die Wildnis, das Ende der Menschheit vor Augen. Mit dieser Schlussszene aus Terminator 1 im Hinterkopf kraxle ich stundenlang durchs sonnenbrütende Gebirge, hier eine Schildkröte, da ein paar Paviane oder ein paar Wildesel zur Gesellschaft. Das Tier in freier Wildbahn, nichts macht den Großstädter sentimentaler.

Prince Albert besteht auch nur aus einer Hauptstraße mit einer Ladenzeile und ein paar Wohnhäusern in zweiter Reihe, aber es hat die Häuser nostalgischer herausgeputzt als die meisten anderen Siedlungen. Auf dem Campingplatz umlagern mein Minizelt die militaristischen Reise-Mobile, mit denen die Rentner-Ehepaare hier unterwegs sind: Jeeps mit Gulaschkanone-Anhängern, die sich zum Wohnzelt ausklappen lassen. Im knorrig eingewucherten Bush Pub sitzen massige Kerle mit struppigen Kurzhaarfrisuren, trinken Castle-Bier und gucken Superrugby. Keines der Holzelemente im Pub wiegt weniger als eine halbe Tonne. Man sieht keine Waffen, aber man wittert sie. Die Essensportionen sind doppelt so groß wie beim üblichen Take Aways, aber nicht besser: Panade reimt sich auf Fritteuse. Neben mir sitzt ein Mitglied der Karoo Thumpers, eine Gruppe Farmer, die am Wochenende mit Yamaha XT 500 oder Honda XL 500 ihr Mütchen in der Wüste kühlen. Und gekühlt werden muss es. Die Nachfahren der Buren sagen, wie sie es sehen: Die Landrückerstattung an die Schwarzen ist ein Fiasko, wie moralisch-politisch gerechtfertigt sie sein mag. Die Schwarzen können keine Farmer sein und wollen es auch nicht. Eine blühende Zuckerrohrplantage ist in fünf Jahren ruiniert. Und jetzt soll es nicht einmal mehr eine Abfindung bei Enteignung geben, falls ein neuer Gesetzesentwurf durchkommt. Im Burenkrieg von 1899 gegen die englischen Besatzer hat ein Vorfahre des Karoo-Thumpers-Mitglieds in einer Guerillaabteilung den Briten eingeheizt, das waren Zeiten! Damals haben die Schwarzen aus Anhänglichkeit die Nachnamen der Buren-Herrschaften übernommen. Und außerdem: GS heißt auf Afrikaans "Geen Sand": kein Sand. Haha!

Die meisten Pisten sind straff planiert. Auf dem Weg zum Baviaanskloof-Naturreservat lockerte sich der Boden aber immer mehr auf und die BMW begann zu schwimmen. Jetzt bloß kein Gas wegnehmen. Wenn das Schwimmen zur Arschbombe zu werden droht, hilft nur Gas geben, aber geschmeidig. Druff mit Feeling. Nach 50 Kilometern Fahren im Stehen kommt einem die GS beim Hinsetzen wie ein Chopper mit Apehanger vor. Nach 200 Kilometern kommt man sich selbst wie ein Waschlappen mit Affenarmen vor. Der Lohn der Plackerei: Am ersten Baustellenstopp nach dem Prince-Alfred's-Pass schmelzten mir aus dem Apfeltransporter vor mir die Bee Gees entgegen – ein Gruß aus einer Welt, in der man sich über Föhnfrisuren Gedanken macht.

Wenn Kapstadt London ist, eine Stadt im Glanze internationaler Hipster-Verschworenheit, dann ist Port Elizabeth Manchester, eine proletarische Hafenstadt, die sich von ihrem ehemaligen Pfeffersäcke-Geprotze nicht beeindrucken lässt. Im Zentrum gammelt Art-Deco-Architektur vor sich hin. Die Minisupermärkte kombinieren Tante-Emma-Laden, Spielhalle und Garküche. Soll's Wurst im Schlafrock sein oder Puffs Maize SnackBBQ flavoured? Während sich in Kapstadt der Hafen mit Shoppingmall und Riesenrad als Touristen-Jahrmarkt travestiert, schottet er sich in Port Elizabeth als reiner Industriehafen hinter Güterbahnschienen ab. „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt / den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“, mit diesem Fehlfarben-Refrain im Kopf mache ich mich auf den Rückweg ins Kulturgenießer-Disneyland Kapstadt. Aber auf dem Weg dorthin werde ich noch ordentlich Staub schlucken.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
March 15, 2018
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
Jan Joswig
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