Motorrad
August 19, 2015

Textilkombi auf dem Stil-Olymp

Über BMW-Motorräder muss man nicht mehr reden. Sie haben sich an die Leistungs- (S 1000 RR) und die Hipsterspitze (R nineT) gespielt und sind zum Goldstandard in der Custom-Szene aufgestiegen. Aber wie steht es um die BMW-Motorrad-Klamotten? Mit der Unterteilung der Fahrerausstattung in "Ride" und "Style" versucht BMW, modisch Fuß zu fassen. Aber stylische T-Shirts mit windschnittiger BMW-Grafik können nicht von dem eigentlichen Dilemma ablenken: Wie befreit man die Textilschutzklamotte von ihrem Spießerimage?

Der blau-weiß-graue Rallye-Anzug von BMW verbindet seit sechs Jahren Ingenieurspedanterie und Abenteuer: korrekt ins Gelände und pünktlich zurück. Er ist sich seiner überlegenen Qualität so bewusst, dass er gar nicht auf die Idee verfällt, Draufgängertum zu simulieren. Sein statt Schein. Mit genau dieser Haltung haben sich die Zwei-Ventiler-Boxer vom hässlichen Entlein zum begehrtesten Schwan der neuen Custom-Szene gemausert. BMWs Rallye-Anzug wird nachziehen. Wer sich heute noch mit einer Lederjacke im Marlon-Brando-Stil ausstaffiert, wird morgen schon einsehen, dass er gegen einen Fahrer in staubigem Rallye-Anzug nur die Poser-Karte zieht. Scrambler und Dirt-Tracker sind längst spektakulärer als Cafe-Racer-Umbauten. Hondas Dominator schiebt sich als Umbau-Basis nach vorne. Leder und Denim wird durch Textilkombis abgelöst werden. Die Stunde von BMW's Rallyeanzug kommt. Und dann wird die Leiterin der Produktentwicklung Ride & Style bei BMW, Julia Lein, die den Anzug vor sechs Jahren entwarf, endlich auf den ihr gebührenden Thron als Stil-Visionärin aufrücken. Eine Vanson-Lederjacke von 1973? Eine Langlitz-Lederhose von 1965? Ein BMW-Rallye-Anzug von 2010! Stich!

Wir vertrödelten in Ferienlaune am Rande vom Wheels & Waves den einzig sonnigen Tag des Festivals mit Julia Lein auf einem Motorradausflug ins Wiesengrün bei Biarritz.

Craftrad: Wie bist du zur Fahrerausstattung bei BMW Motorrad gekommen?

Julia Lein: Ich habe Modedesign studiert und gedacht, ich gebe den klassischen Modedesignerlebenslauf ab. Praktikum bei H&M, Diplom bei René Lezard. 2005 habe ich mein eigenes Label "Julia Lein" gegründet. Es war super schwer, man hätte ein finanzielles Polster gebraucht … Dann tauchte 2007 der Designjob bei BMW Motorrad auf. Fahrerausstattung, von der technischen Seite hatte ich keine Ahnung. Aber es ging ziemlich schnell. Ich habe gleich den Motorrad-Führerschein gemacht und bin selbst gefahren.

Und hast die lange Geschichte der Schutzkleidung studiert?

Gar nicht. Ich habe gleich zwei volle Anzüge entwerfen dürfen. Das Designteam hat mit super geholfen, in der Bekleidung waren wir zu dritt.

Die Unterteilung in "Ride" und "Style" gab es noch nicht?

Nein, nur Fahrerausstattung. Es gab zwei, drei T-Shirts, die mal eine Grafik hatten. Ich durfte einen Rallyeanzug machen, der läuft immer noch, darauf bin ich super stolz. Er kommt jetzt in der dritten Farbvariante raus.

Findest du die Preise gerechtfertigt, 1.200 Euro für eine Kombi?

Ja. Ich bin jetzt in der Entwicklung. Was wir an Zeit und Tests hineinstecken …

Ihr entwickelt eigene Materialien?

Ja. Wir haben im Rallyebereich ein Material entwickelt, das hat 13 Prozent Wollanteil. Wenn wir Material entwickeln, haben wir locker zweieinhalb Jahre Forschungszeit. Wenn wir bestehendes Material verwenden, brauchen wir anderthalb Jahre bis zur Produktreife. Vom Produktziel erstellen über erste Sketche, Fahrerprobung und so weiter.

Das ist dreimal länger als bei Modekollektionen.

Aber die Modelle laufen auch länger. Mein Anzug ist sechs Jahre im Programm, alle drei Jahre gibt es einen Farbwechsel.

Wie sieht die Detailabstimmung aus?

Wir diskutieren im Team: Wollen wir mehr Druckknöpfe, mehr Klett, sollen Knöpfe sichtbar sein? Wir wollen uns im Textilbereich als Benchmark positionieren. Die beste Klamotte zu jedem Motorradmodell.

Die technische Seite ist nur das eine, die andere ist der Chic.

Genau. Wir gehen in die richtige Richtung. Auf das Funktionale ist unsere größte Zielgruppe fixiert. Bei den stylischeren Sachen versuchen wir uns auch einen Namen zu machen, ohne dass sie an Funktion verlieren. Sicherheit und Material ist wichtig. Das Material ist nie nur eine Hülle, die Protektoren hält. Es muss nicht immer Racetrack sein, aber auch im urbanen Bereich muss das Material was können.

Was für Feldstudien betreibt ihr?

Storecheck, Motorradmessen, aber oft auch in andere Designrichtungen gucken, was gerade in ist. Wir schauen uns die englische Café-Racer-Szene an. Aber nicht alles ist für unsere Zielgruppe geeignet. Kleine, aber sichtbare Schritte.

Nimmt das Interesse bei Frauen zu?

Ja, seit zwei Jahren. Wir machen viel mehr in die Richtung, das lohnt sich jetzt erst.

In welche Richtung geht es allgemein?

Wheels & Waves ist Heritage. Da wird sich nicht so viel verändern. Individualismus, jeder customized seine Klamotte, malt darauf, näht Badges drauf. Viel mehr Spielraum bietet der textile Bereich, damit auch diese Kleidung cooler aussieht. Die große Frage ist: Soll sie Motorradlook haben oder nicht? Im textilen Bereich gibt es nur Motorradlook.

Was ist mit den Kevlar-Jeans?

Ich meine nicht den Roadster-Bereich. Dort geht es Richtung urban, Urban Mobility, aber das ist eher Scooter-Umfeld.

Bunte Textilsicherheitsklamotte, da muss BMW doch massenhaft im Archiv aus den 80ern haben? Alpinestars macht die Revitalisierung gerade mit der Oscar-Linie vor …

Haben wir auf jeden Fall. Potential ist da. Aber '78 ging es bei BMW erst los. Die 80er sind nicht so ein guter Start für ein Revival, glaube ich …

Gibt es Archivbegehungen bei BMW Motorrad?

Nein. Es fehlt auch noch einiges. Das möchte ich gerne aufbauen. Ich habe eine neue Mitarbeiterin, die war lange bei Adidas und hat die ersten Kooperationen mit Missy Elliott gemacht.

 

Sind Kollaborationen interessant?

Auf jeden Fall. Beim Motorrad selbst läuft es schon, da müssen wir mit der Bekleidung nachrücken. Mit Orlando Bloom haben wir eine Jacke gemacht. Mit Belstaff haben wir kooperiert. Zur G 450 X hatten wir mit Acerbis eine Cross-Klamotte angeboten. Leider ist das Modell gestorben … Da könnte man viel machen, kunterbunt.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
August 19, 2015
Autor: 
Jan Joswig
Fotos: 
Tim Adler
Newsletter abonnieren und immer auf dem neusten Stand sein:
Willkommen in der CRAFTRAD Familie!
Oops! Da ist etwas schief gelaufen. Prüf bitte noch einmal deine Eingaben.