Kunst & Kultur
March 26, 2018

Aus dem Alltag des Herrn T. ‒ Vorhölle zur Freiheit

„Machen Sie bitte den Motor aus, der Ingenieur ist gleich bei Ihnen“, 

hüstelt die dauergewellte Sachbearbeiterin im trendlosen Hosenanzug lustlos aus ihrem sterilen Vorzimmer. Undankbar, ist ja Montagmorgen, aber ich habe einen Termin. Einmal HU zum Mitnehmen, bitte. Die kalten Neonröhren in der beheizten Industriehalle drücken auf die Stimmung. Meine Öltemperatur im Körper ist so hoch wie gestern in der Linkskurve am Ortsausgang. Gibt es Schweißperlen aus 20W50? Schlimmer als ein Warteraum in der Notaufnahme hier. Gleich bin ich dran, ohne Narkose. Die Ruhe vor dem befürchteten Paragrafen-Sturm wird nur unterbrochen vom leisen Knistern meines abkühlenden Reihenvierzylinders. Meine rechte Gehirnhälfte projiziert Bilder von gerade eben: volle Schräglage, Knie raus, dritter Gang auf 6000 Umdrehungen, die Marving-4in1-Anlage macht klare Ansagen an die Ottonormalbenzinverbraucher, die panisch rechts ran fahren. Vierter Gang, dann holt mich ein nervöses Klicken zurück in die genormte Realität. Die Graue Eminenz ist da, drückt stirnrunzelnd auf einem Kugelschreiber herum und umkreist kopfschüttelnd mein Bike.

„Sie sind sechs Monate überfällig“,

stellt der aufmerksame Ingenieur mit Blick auf meine Plakette fest. 

„Ja ja, blau ist wohl nicht die Modefarbe 2015“, 

bemerke ich betont freundlich. Keine Regung. Gnadenlos erfasst der gleißende Lichtkegel seiner LED-Taschenlampe die offenen Ansaugtrichter an den Keihin-Vergasern:

 „Aha, Custom Bike. Dann zeigen Sie mir mal die Papiere, hier ist ja nichts mehr original“, 

fordert der studierte Graukittel, ganz zuversichtlich, hier ein Paradebeispiel für unprofessionelles Frisieren entdeckt zu haben. Vollverkleidung, laute Auspuffanlage, Höckersitzbank, zurückverlegte Fußrasten, Kriegsbemalung! Im Maschinenbaustudium haben sie ihn auf Typen wie mich vorbereitet. Schwarze Schafe mit selbstgebastelten Mopeds, gemeingefährlich. ECE? ABE?

MFP! LMAA! Die StVZO will hart zuschlagen, haut aber ins Leere, denn der Fahrzeugschein manifestiert die umfangreichen Modifikationen. Als ihm sein nach deutscher Industrienorm geformter Verstand sagt, dass hier mit Herz und Sachkenntnis operiert wurde, kippt die Situation in den grünen Bereich. Lächelnd zieht der Ingenieur ein Exemplar seiner heiß begehrten pinkfarbenen Plaketten aus seiner Tupperdose und adelt die technische Meisterleistung für zwei weitere Jahre direkt auf meinem viel zu kleinen Kennzeichen. Na also, Öltemperatur wieder normal, Patient lebt.

Jetzt fängt er selbst an zu träumen: das erste Mofa, frisiert mit Malossi-Zylinder und zu großem Bing-Vergaser, leergeräumte Auspuffbirne. 75 km/h, Berg runter. Als ich mein halbwarmes Triebwerk starte, schreckt er auf und wünscht mir eine unfallfreie Fahrt. Gute Leute braucht man. Wir sehen uns in der Kurve. Freiheit!

In einer Stadt, die nicht nur von einer extrem begrenzten Wohnraumsituation, sondern auch horrenden Mietpreisen geprägt ist, gestaltet sich die Suche nach einer geeigneten Bleibe zu einer wahren Odyssee. Nach gut zwei Jahren permanenter Ortswechsel, finden sie im Februar 2017 das richtige Objekt. Das Container Collectiv am Ostbahnhof hält einen alten Schiffscontainer bereit, der noch auf neue Mieter wartet. Hier, inmitten von Künstler-Ateliers Bars und Cafés, scheint endlich die richtige Umgebung für das kreative Schaffen am geliebten Zweirad gefunden. Der Platz in der neuen Werkstatt ist zwar extrem begrenzt und auch der komplette Neuaufbau einer Maschine für einen Kunden fordert ihnen einiges ab, dennoch schaffen es die Jungs ihren ersten Auftrag zufriedenstellend in die Tat umzusetzen.

Custom Passion

Kaum hat die hübsche SR 500 als Scrambler ihren Container verlassen, folgen auch schon die nächsten Projekte. Aktuell ist es eine Yamaha XS 1100, die sie zu einem leistungsstarken und dennoch  komfortablen Cruiser umgebaut haben – englisches Understatement á la Jaguar eben. Da darf eine Lackierung in British Racing Green natürlich nicht fehlen, ebenso Lenkerbänder aus Leder und der Tank einer amerikanischen XS 1100, der für eine schlankere Linie sorgt.

Im dritten Jahr ihres Bestehens hat sich das Kollektiv an die Arbeit mit und für Kunden gewöhnt:

"Es ist interessant und auf eine andere Weise fordernd mit Ideen und der Inspiration des Kunden zu arbeiten und jedem Projekt zudem die eigene Handschrift zu verpassen."

Dabei ist für sie jeder Umbau ein echte Herzensangelegenheit. Mit ihrer Detailversessenheit versuchen sie Unikate zu schaffen, die ihren Kunden ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das mag zwar kitschig klingen, aber wer Wochen und Monate mit einer Maschine auf wenigen Quadratmetern in einem Container verbringt, der entwickelt einfach eine innige Bindung. So verwundert es kaum, dass ihnen so manch ein Abschied nicht ganz leicht fällt ‒ auch wenn das breite Grinsen zufriedener Auftraggeber für alle Mühen entlohnt.

Gelb, rot und schwarz stehen bei der Anschaffung zur Debatte, sowie etwas über 4.000 Euro. Nicht wenig Geld für den kleinmotorigen Flitzer, aber ausgerüstet mit Taucherbrille und Badehandtuch ist man damit der King an jedem Badeteich.

Journal
Info & Credit
Veröffentlicht am: 
March 26, 2018
Autor: 
Redaktion
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