Motorworld Classics – Die 1990er-Jahre

Die Motorworld Classics präsentieren vom 5. bis 8. Oktober Raritäten aus beinahe allen Jahrzehnten. Im Maschinenraum widmet sich die Messe in einer eigenen Halle dem Thema Motorrad. Als besonderes Highlight fungieren die Zeitzeugen. Beginnend mit den 1920er-Jahren wird jedes folgende Jahrzehnt bis in die Neunziger von einem Modell repräsentiert, das prototypisch den jeweiligen Zeitgeist der Dekade widerspiegelt

In unserem zweiten Teil brechen wir die Chronologie und springen gleich in die 1990er.

Die 1990er-Jahre – Ducati 916

Sie hatte von allem so viel, und das im Überfluss. Die Ducati 916 – ab 1994 als Nachfolgerin der ohnehin schon betörenden 851/888 im Angebot des Bologneser Zweirad-Herstellers – gilt als legitimes Jahrhundertmotorrad. Ihr Vermächtnis besteht aus so vielen faszinierenden Facetten, dass eigentlich eine einzige davon genügt hätte, um sie unsterblich zu machen. Doch die rote Diva räumte mit so ziemlich allen Konventionen auf. Und definierte so den Archetyp eines sportlichen Superbikes für das neue Millennium.

Ganze zehn Jahre lang galt die 916 mit ihren unzähligen Ablegern und Sondermodellen als zeitgemäßes Sinnbild der Einheit aus Technik und Design. Ihre beeindruckende Figur mit insektoidem Doppelscheinwerfer, einer extrem schlanken Taille und dem sexy Heck im Stil klassischer Endurance-Renner brachte Massimo Tamburini so genial in Form, dass der rote Renner es schnell ins Museum of Modern Art schaffte.

Die Führung der Auspuffrohre bis hoch unters Heck, den Zweizylinder als tragendes Element nutzend, das Hinterrad von einer Einarmschwinge gehalten – so kennt man die italienische Legende. Ihr Kleid aus Kunststoff oder Karbon konnte man in weniger als drei Minuten komplett entfernen – sogar bei den Maschinen der Großserie. Zum Ausbau des Hinterrads löste man nur eine einzige Mutter. Ein Traum für jeden Renn-Mechaniker.

Ihr technisches Konzept mit Desmodromik im Kopf und variabler Lenkgeometrie an der Front war so wegweisend, dass Ducati nicht nur eine neue Ära einläutete, sondern auch noch Weltmeister-Titel in der Superbike-WM sammelte, wie Berlusconi Telefonnummern leichter Damen.

Die 916 war schön, schnell und pragmatisch. Nur bequem durch die Gegend bummeln konnte man mit ihr nie. Während die japanische Plastik-Fraktion schon bald in maximaler Power eine Antwort auf sie sah – Ninja und Co. lassen grüßen – begnügte sich die 916 meist mit relativ wenig Schub. 109 PS waren zum Beginn ihrer Karriere solide, aber beileibe nicht Weltklasse. Dafür überzeugte die edle Italienerin mit voluminösem Sound, unerschütterlicher Stabilität am Limit und dem Charme des ganz Besonderen. Sie war trotz des Defizits an Motorkraft pfeilschnell. Immer.

Bis zur Wachablösung durch die argwöhnisch betrachtete Ducati 999 behielt die 916 damit eine Sonderstellung in der Welt extremer Sportmaschinen. Die Hayabusa war damals stärker, die CBR sicher wendiger – doch an das Charisma der Ducati 916 kam kein Motorrad der 1990er wirklich heran. Bis heute eilt ihr dieser Ruf voraus.

Text und Fotos: Sven Wedemeyer

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