North West 200 – Number One in Ireland

Motorradrennen als Sport zum Anfassen erlebt man nirgends so intensiv wie bei den Straßenrennen. Seit meiner Roller-Jugend bin ich von der Isle of Man TT und der North West 200 angefixt. Dieses Jahr habe ich es endlich nach Irland geschafft, drei Tage als Petrolhead unter Petrolheads: Boys will be Boys!

Die Daten der North West 200 sind rasch aufgezählt:

Ursprünglich 1929 vom City of Derry and District Motor Club ins Leben gerufen worden und auf 200 Meilen ausgelegt, mehrfach modifiziert und seit 1964 vom Coleraine and District Motor Club organisiert, nunmehr als Dreieckskurs auf 8,9 Meilen, also knapp 14,5 Kilometer. Und im „ewigen“ Wettstreit mit der bekannteren Tourist Trophy auf der Isle of Man.

Donnerstag:

Portstewart, Strandpromenade, alles voll mit Motorrädern. Jetzt aber raus zum Rennen. Leider sind fast alle Straßen nah an der Rennstrecke gesperrt. Also zu Fuß. Endlich an der Rennstrecke, York Corner, eine Haarnadelkurve. Schon hört man die ersten Fahrer. Ein dumpfes Grollen schwillt immer stärker an, die großvolumigen Twins an der Spitze verbreiten eine Geräuschkulisse, die für jeden Motorsportfan einmalig ist, es sei denn, man schwört auf E-Motoren.

Freitag:

Jetzt sitze ich in Joeys Bar in Ballymoney und kann es kaum fassen. Fans pilgern zur Statue von Joey Dunlop und seinem Bruder Robert, die beide bei Straßenrennen ums Leben gekommen sind – Joey im Jahre 2000 in Tallinn, Estland, Robert 2008 bei einem Trainingslauf auf der North West 200. Danach ist das Pint Bier in der Bar auch ein Toast auf sie.

Meine Blicke sind auf den dunklen Himmel gerichtet und da ist er auch schon: der berühmte Wetterwechsel – Regen, Wind, Sonne und wieder Regen. Schnell einen Stopp in der Whisky-Destillerie einlegen. So geht es auch.

Was ist das Besondere an der North West 200?

Und dann erfahre ich das Einigende in Irland: Motorradrennen! Kein Norden, kein Süden, keine Politik, keine Religion, sondern die Faszination der Geschwindigkeit und des Nervenkitzels beim Motorradrennen verbindet die Iren. Zudem haben die Menschen hier noch Verständnis für die Faszination des Irrationalen.

Samstag: Renntag

Morgens im Fahrerlager: Nervosität überall. Viele junge Männer mit Krücken und Gipsverbänden, offenbar Opfergaben für den Motorradrenngott. Thema ist allein das Wetter. Wird es halten? Pünktlich zum ersten Superbike-Rennen setzt der Regen ein. Alastair Seeley bleibt trotz kalten Windes stoisch auf seinem Motorrad in der Startaufstellung sitzen. Das Publikum der Haupttribüne bringt sich dagegen vor dem heftigen Regenschauer in Schutz. Aber auch die Regenwolken verziehen sich dank des Windes wieder. Minuten später wird das Rennen gestartet. Ein Helikopter folgt dem Pulk und sendet Bilder auf Riesenleinwände, ohne die man die Rennen kaum mitverfolgen könnte. Leider war der Altmeister und mehrfache TT-Sieger, John McGuiness, noch in einem Trainingslauf am Donnerstag schwer gestürzt. Ich wende mich dem zweiten Superbike-Rennen zu, das den sportlichen Höhepunkt der North West 200 darstellt und in diesem Jahr ein geradezu legendäres Finale bot: Der mehrfache North-West-200-Sieger Alastair Seeley, Glenn Irwin, erfolgreicher BSB-Fahrer, sowie Ian Hutchinson, mehrfacher TT-Sieger, gaben an der Spitze ihr Letztes und kämpften auf letzten Rillen um den Sieg. Mit einem spektakulären Überholmanöver in der letzten Runde und kurz vor dem Ziel gelang es Glenn Irwin auf einer Ducati Panigale 1199 R den beiden BMWs S 1000 RR die Stirn zu bieten und den Sieg einzufahren. Für diese Momente ist man niemals zu alt.

Text: Frank Diedrich
Fotos: Stephen Davison/ David Maginnis/ Pacemaker Press

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